Abwechselnd am Tandem-Lenker

Yvonne Püttmann und Sebastian Schulz über ihre Teamarbeit in der geistlichen Leitung bei Kolping

Paderborn. Auf seiner Diözesanversammlung hat der Kolping-­Diözesanverband in Sachen geistliche Leitung die Weichen neu gestellt: In Zukunft werden die Religionspädagogin Yvonne Püttmann und Diözesanpräses Sebastian Schulz als Team arbeiten. Mit dem DOM sprachen sie über die Aufgabenverteilung und die zukünftige Rolle der Kolpingsfamilien.

Gestalten gemeinsam die geistliche Arbeit des Kolping-­Diözesan­verbandes: ­Yvonne Püttmann und Diö­zesan­präses Sebastian Schulz. Foto: Wiedenhaus

 

von Andreas Wiedenhaus

Wie ist die Idee zur Neuregelung der geistlichen Leitung beim Kolping-Diözesanverband entstanden?

Sebastian Schulz: Die Satzung des Bundesverbandes ermöglicht das seit 2015. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass diese Idee auf der Orts­ebene bereits vielfach umgesetzt worden ist. Wir haben seit einiger Zeit hier in unserer Diözese geistliche Leiterinnen und Leiter. Sie absolvieren einen Ausbildungskurs und werden dann beauftragt. Der Idealfall ist, dass vor Ort Präses und geistliche Leitung gemeinsam tätig sind. Falls es keinen Präses gibt, kann die geistliche Leitung die Aufgaben auch allein in Absprache mit einem Priester übernehmen. Bei meiner Amtsübernahme im vergangenen Jahr war schon abgesprochen, dass wir dieses Modell, das sich auf Ortsebene bewährt hat, auch für den Diözesanverband übernehmen und die Stelle aufteilen. Meine Erfahrungen aus Minden, wo ich Kolpingpräses war und mit einer geistlichen Leitung zusammengearbeitet habe, haben mich darin bestärkt. Wobei die Frage, wie das auf der Diözesanebene funktioniert, noch einmal ganz spannend sein dürfte.

Sie haben bei der Diözesanversammlung das Bild des Tandems gewählt. Dabei stellt sich die Frage, wer vorne sitzt und lenkt?

Yvonne Püttmann: Unser Tandem ist auf unterschiedlichen Straßen unterwegs, und in diesem Zusammenhang wechseln wir uns am Lenker ab: Bei der Kolpingjugend sitze ich vorn, und der Präses tritt hinten mit, in Sachen Diözesanverband lenkt der Präses, und ich trete in die Pedale.

Sebastian Schulz: Dieses Bild haben wir gewählt, weil wir festgestellt haben, dass die neue Rolle der geistlichen Leitung so in der Diözese noch nicht bekannt ist. Ich habe anfangs oft gehört, dass der Präses ja nur noch eine halbe Stelle hat. Das ist aber auch nur die halbe Wahrheit, weil die anderen 50 Prozent von Frau Püttmann übernommen werden. Das Bild des Tandems kommt auf jeden Fall an und wird von den Mitgliedern verstanden. Auf Dauer wünsche ich mir, dass wir auf Anfragen flexibel reagieren können, wobei es natürlich spezifische priesterliche Aufgaben gibt. Das ist bei der Rollenverteilung von vornherein klar gewesen. Es gibt aber keinen Qualitätsunterschied nach dem Motto: Wir haben den Präses angefragt, und jetzt kommt „nur“ die geistliche Leitung!

Das wird sicherlich ein Lernprozess werden!

Sebastian Schulz: Und das für alle Beteiligten, wie wir im Moment an vielen Stellen merken. Nicht zuletzt, weil wir geistliche Leitung für den Diözesanverband ein Stück neu erfinden müssen. Wir können nichts vom Vorgänger übernehmen, sondern müssen neue Lösungen finden. Also eine spannende Versuchs­phase!

Yvonne Püttmann: Zentral wird dabei die Kommunikation zwischen uns beiden sein! Wir haben zwar eigene Aufgabenbereiche, aber viele Dinge überschneiden sich. Um im Bild zu bleiben: Wir müssen absprechen, wie wir aufsteigen, mit welchem Pedal wir anfangen und wann wir bremsen. Treten allein reicht nicht.

Sebastian Schulz: Schlechte Kommunikation ist immer Teil des Problems, gute Kommunikation Teil der Lösung – gerade jetzt in der Anfangsphase.

Schauen wir auf den Verband an sich: Welche Rolle werden Verbände in der Kirche in Zukunft spielen, und welche Aufgaben könnten für geistliche Leitung da wichtig sein?

Sebastian Schulz: Wenn es die Verbände in der katholischen Kirche gerade zum jetzigen Zeitpunkt nicht gäbe, müsste man sie erfinden! Denn jeder Verband steht für ein spezielles Themenfeld, das Kirche so in die Gesellschaft hineinspielen kann. Dieses Know-how und diese Kompetenzen bilden eine riesengroße Chance. Auch innerkirchlich können Verbände angesichts der Umstrukturierungen noch einmal anders agieren. Menschen suchen in der Kirche nach Heimat und Identifikation. Die größeren kirchlichen Strukturen können so etwas nicht immer gewährleisten. Da, wo die Kolpingsfamilien aktiv sind, können sie Menschen genau das geben.

Kolpingsfamilien als Identifikationsmöglichkeit?

Sebastian Schulz: Ich glaube, der Begriff Heimat passt in diesem Zusammenhang besser: Heimat im Glauben war für Adolph Kolping ein zen­trales Thema. Genau das leisten viele Kolpingsfamilien. Als Priester habe ich das bei meiner letzten Stelle selbst erlebt: In vielen Positionen und Zusammenhängen gab es immer wieder Wechsel, hinzu kamen die zahlreichen unterschiedlichen priesterlichen Aufgaben. Als Präses der Kolpingsfamilien hatte ich eine Gemeinschaft, die auch mir Halt gab.

Yvonne Püttmann: Das gilt umgekehrt sicherlich genauso: Der Wandel in der Kirche ist mit vielen Emotionen verbunden. Persönliche Ansprechpartner wie geistliche Leitung spielen dann eine große Rolle!

Frau Püttmann, Sie übernehmen eine Aufgabe, die es so auf Diözesanebene noch nicht gab. Welche Inhalte stehen für Sie im Vordergrund?

Yvonne Püttmann: Aufgrund der Tatsache, dass die Kolpingjugend einen Schwerpunkt bildet, wird die Begleitung junger Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen sicherlich breiten Raum einnehmen. Ich spreche gern davon, gemeinsam mit ihnen auf den Idealen und Ideen Adolph Kolpings ein Fundament zu schaffen, auf das sie ihr Leben aufbauen können.

Wie sieht das praktisch aus: Machen Sie eine Vorstellungstour durch das Erzbistum?

Yvonne Püttmann: Ich glaube, die Kolpingjugend hat da eine etwas andere Mentalität: Das Bedürfnis, zum Beispiel den Diözesanpräses direkt vor Ort zu haben, ist nicht so stark ausgeprägt. Die Jugend ist autonomer. Inhaltliche Impulse, wie sie zum Beispiel in ihren Gruppen etwas gestalten können, sind den jungen Menschen wichtiger; oder eigene spirituelle Orte. Die Kolpingjugend hat einen anderen Bezug zu geistlicher Leitung als die Kolpingsfamilien.

Sebastian Schulz: Aus dem Erwachsenenverband kommen derzeit viele Anfragen an mich als Präses, weil man das so gewohnt ist. Ich nehme aber nicht alles sofort an, sondern wir sammeln erst einmal, um dann abzuklären, wer welche Aufgaben übernimmt. Es gibt also keine strikte Aufgabentrennung in Sachen Erwachsenenverband und Kolpingjugend. Wir beide wollen dort präsent sein. Wichtig ist für mich, dass nun auch die Perspektive einer Frau zum Tragen kommt.

Yvonne Püttmann: Als Laien-­Theologin kann ich zwar keine Messe feiern, aber trotzdem ist eine große liturgische Vielfalt möglich. Abgesehen davon ist das ja in vielen Gemeinden längst Realität.

Sebastian Schulz: Letztlich sollte aber immer im Mittelpunkt stehen, was die Menschen vor Ort brauchen, und wie man das möglich machen kann.

Was bedeutet Kolping für Sie ganz persönlich?

Sebastian Schulz: Als Jugendlicher war ich Pfadfinder und Messdiener. An meiner ersten Vikarstelle in Elsen wurde ich dann Kolping-Präses. Diese Entscheidung habe ich quasi zwischen Tür und Angel getroffen, ohne groß darüber nachzudenken, was das eigentlich bedeutet. Die Erfahrungen waren dann sehr positiv. In Minden – an meiner nächsten Stelle – in der Diaspora ist nur eine Kolpingsfamilie im gesamten pastoralen Raum aktiv. Als ich kam, existierte bereits der Plan einer geistlichen Leitung. So gab es dort dann Präses und geistliche Leitung. In dieser Konstellation konnten wir uns gegenseitig echt bereichern, weil wir gemeinsam Ideen entwickelt haben. Heute kann ich sagen, dass ich mich mit dem Verband wirklich identifiziere. Besonders schätze ich die Offenheit, die ich bei Kolping immer wieder erlebe, diese wirklich familiäre Atmosphäre. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sehr sich gerade die Ideen Kolpings als roter Faden durch das Leben gerade älterer Mitglieder ziehen. Glaubens- und Verbandsbiografie sind da oft deckungsgleich. Nicht zu vergessen ist der Bildungsanspruch, den der Diözesanverband mit seinem Bildungswerk realisiert: Ich habe bereits einige Besuche in Einrichtungen absolviert und bin immer wieder beeindruckt: von den Mitarbeitern genauso wie von den Menschen, die dort lernen.

Yvonne Püttmann: In meiner Heimatstadt Duisburg ist Kolping nicht präsent. Bis ich diese Stelle übernommen habe, hatte ich zwar immer wieder Kontakt zu einzelnen Kolpingern, aber mehr auch nicht. Das ist aber kein Problem für die Kolping-Mitglieder hier. Ich persönlich schätze die Herzlichkeit in diesem Verband besonders – insbesondere in meiner Situation das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. Kolping ist Jugend- und Erwachsenenverband, in den man in jedem Alter eintreten kann. Man kann ihm ein Leben lang treu bleiben.

Sebastian Schulz: Hinzu kommt die Tatsache, dass es eine weltweite Gemeinschaft ist, bei der Menschen nicht nur über Grenzen hinweg zusammenarbeiten, sondern sich auch ganz schnell kennenlernen, weil es viele Erkennungszeichen und Gemeinsamkeiten gibt. Wenn sich zwei Kolpinger begegnen, haben sie sich viel zu sagen, auch wenn sie sich vielleicht nicht kennen.

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