Am Haken

Über das Buch Amos

Wer in dieser Woche werktags eine heilige Messe besucht, sollte sich auf einiges gefasst machen. Wenn der Zelebrant die Texte vom Tage wählt und nicht die der Heiligenfeste, dann gibt es als Lesung Auszüge aus dem Buch Amos. Und die haben es in sich. Man könnte überlegen, die Lesung mit einem Hinweis zu eröffnen: „Die nachfolgenden Texte sind für Zuhörer unter 16 Jahren nicht geeignet.“

Foto: Anguane / pixelio

 

von Claudia Auffenberg

Das Buch Amos ist ein kurzes, neun Kapitel umfasst es, man kann es gut an einem Abend durchlesen – und das sollte man bei biblischen Texten durchaus mal tun, um den Gesamtzusammenhang zu erfassen. Man muss nicht immer die historischen Hintergründe im Detail kennen, man muss lediglich im Hinterkopf haben, dass es sie gibt, dass also kein biblischer Text für eine katholische Kirchengemeinde in Westfalen zu Beginn des 21. Jahrhunderts geschrieben worden ist.

Gerade bei Texten wie denen des Buches Amos lauert diese Gefahr; beim Lesen also immer daran denken: Es gab damals noch keinen Diesel­skandal, noch keine FIFA und sämtliche Herren aus der Tagesschau waren noch nicht auf der Welt. Machtbesessene Egomanen, skrupellose Herrscher und Heuchler gab es allerdings sehr wohl. Von ihnen spricht der Prophet Amos in drastischen Worten, zum Beispiel so: „Seht, Tage werden kommen, da holt man euch mit dem Fleischerhaken weg und was dann noch von euch übrig ist, mit dem Angelhaken.“

Die zünftige Sprache rührt ganz sicher daher, dass Amos von Beruf Bauer mit eigener Rinder- und Maulbeerfeigenzucht war. Kein armer Mann also wohl, zudem einer, der etwas von Hegen und Pflegen versteht, von Wachsen und Reifenlassen.

Genau dies hat das Volk Israel, das sich doch als das auserwählte Gottesvolk sieht, aus den Augen verloren. In dramatischen Worten kündet er den Völkern und dann auch Israel den Untergang an. Das Vergehen: ein Verhalten, das des Gottesvolkes unwürdig ist. Die Reichen leben auf Kosten der Schwachen, sie beugen das Recht, plündern das Land und der Glaube an Gott ist zu einem dekorativen Kult verkommen.

Der Prophet wirkte um das Jahr 760 vor Christus, also vor nun fast 2 800 Jahren, im Nordreich Israels. Wie viel von ihm als historischer Person im Buch zu finden ist, ist unsicher, vermutlich eher wenig. Und wie alle biblischen Bücher ist auch das Buch Amos nicht aus einem Guss, sondern hat eine lange Entstehungsgeschichte. Die letzten Verse sind wahrscheinlich in der Zeit des babylonischen Exils oder kurz danach entstanden, als Israel eine katas­trophale Krise hinter sich hatte. Und es wäre eben kein bi­blischer Text, wenn nicht am Ende die Verheißung stünde, wenn nicht auch von einem Gott die Rede wäre, der es eben doch gut mit den Menschen meint. Am Samstag der kommenden Woche sieht die Leseordnung diese letzten Verse aus dem Buch Amos als Lesungstext vor: „Und ich pflanze sie ein in ihren Boden und nie mehr werden sie ausgerissen aus ihrem Boden, den ich ihnen gegeben habe, spricht der Herr, dein Gott.“

Die Frage, die das Buch Amos stellt, könnte man verkürzt so formulieren: Was, Gesellschaft, ist dein Maßstab? Diese Frage bleibt aktuell.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel