Das Ansehen eines Menschen

Gedanken zu Joh 12,20-33

Gibt es bei uns, den Christen, eine echte Sehnsucht nach Jesus?

„Schau mir in die Augen, Kleines“: ein berühmter Satz aus der legendären Schlussszene des Filmes Casablanca, die hier sogar die Seitenwand eines Kinosaals ziert. Der Satz ist, so sagen Cineasten, das Ergebnis eines doppelten Fehlers. Im Drehbuch stand demnach ein alter englischer Trinkspruch („Here’s good luck to you“), den Humphrey Bogart vernuschelte („Here’s looking at you“) und der in der deutschen Synchronfassung falsch übersetzt wurde. Aber womöglich ist dies die Fassung, die das Drama der Situation am ehesten einfängt. Foto: SAS. / photocase

 

von Konrad Schmidt

Oft werden Rom-Fahrer gefragt: Habt ihr auch den Papst gesehen? Direkt vor euch aus der Nähe? Oder auf dem Balkon? Viele wollen einfach dabei sein, wenn bekannte Persönlichkeiten in die eigene Stadt kommen. Niemand kann allerdings genau sagen, was das wirklich bringt. Zugegeben, man kann stolz sagen: Ich habe den Papst gesehen. Ich habe der oder jener bekannten Größe vielleicht sogar die Hand gegeben. Na und?

Das Johannesevangelium erzählt von Anfang an, dass Menschen Jesus sehen wollen. „Wo wohnst du?“, fragen zwei, die bald danach zu seinem Nachfolgekreis gehören. Aus jüdischer Sicht sind sogar Heiden unter denen, die Jesus sehen wollen. Zu den hohen jüdischen Festen kommen sie nach Jerusalem, um Gott anzubeten. Voller Achtung und Respekt werden diese Griechen „Gottesfürchtige“ genannt. Es scheint zum Alltäglichen zu gehören, dass auf den ersten Blick glaubensferne Menschen Jesus sehen und den Gott Israels anbeten wollen.

An Philippus, einen Jünger Jesu, der aus Betsaida stammt, tragen diese gottesfürchtigen Griechen ihren Wunsch. Sie sind offensichtlich von ihrer griechischen Götterwelt enttäuscht. Menschlich, allzu menschlich geht es im Olymp der griechischen Götter zu. Mit neuen Erwartungen und inneren Hoffnungen kommen sie nach Jerusalem zur Verehrung des einen, einzigen Gottes. Dem Offenbarer dieses Gottes möchten sie begegnen, ihn sehen.

Leider drückt sich der Wunsch, Jesus zu sehen, nicht immer so explizit aus. Wir brauchen deswegen schon aufmerksame Ohren, ein sensibles Fingerspitzengefühl, dazu auch eine respektvolle Unaufdringlichkeit und eine Achtung vor der Freiheit solcher „Gottsucher“ in unserer Umgebung. Haben wir diese Sensibilität für Menschen, die noch nie zu den „strammen“ Kirchgängern gehörten oder den Kontakt längst verloren haben? Hören wir genau hin auf deren versteckte Aussagen? Auf deren Suchen, also deren Sehnsucht?

Neben dem aufmerksamen Hören sollten wir das achtsame Sehen pflegen. Augen sind immer der Spiegel der Seele. In den Augen drücken sich unverstellte Emotionen aus. Durch das Sehen ist Begegnung möglich. Vorurteilslosigkeit und Wachheit, Offenheit und Wertschätzung gegenüber der Biografie des Zeitgenossen und Weggefährten sind erforderlich. Wie sehe ich Menschen an, die mir begegnen und das Gespräch suchen? Sind sie mir ein Abbild Gottes, in dem sich etwas von der spannenden Vielfalt und Interessantheit, von der Weite Gottes widerspiegelt?

Neben diesen beiden Übungen, unser eigenes Hören zu intensivieren und das Sehen zu optimieren, gehört für die österliche Bußzeit als drittes Trainingsfeld die Konzentration auf unsere eigene Christusbeziehung: Sage ich ehrlichen Herzens – wie die Griechen: „Ich möchte Jesus sehen?“ Wo steht er auf meiner persönlichen Prioritätenliste? Dessen bin ich gewiss: Mit unserer Sehnsucht, Jesus zu sehen, fängt unser Glaube erst richtig an; er bekommt Konsequenzen. Jesus ist nämlich verblüffend eindeutig: Ein Weizenkorn, das in der Erde abstirbt, bringt reiche Frucht. Das weiß jeder Landwirt. Wa­rum nicht wir Christen?!

Zum Autor:

Prof. Dr. Msgr. Konrad Schmidt, ehemaliger Rektor der Katholischen Landvolkshochschule Hardehausen, ist Subsidiar im Pastoralverbund Sundern.

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