Dein Reich komme

Dritter Teil der Reihe zum Vaterunser

Wenn der Deutsche das Wort Reich hört, dann steigt nicht gerade Wärme in sein Herz. Und nun beten wir im Vaterunser: „Dein Reich komme.“ Schon klar, dass damit nicht jenes Reich gemeint ist, aber welches dann?

Das Reich Gottes ist offen für alle und kennt keine Mauern. Foto: Skitterfoto/pixabay

 

von Claudia Auffenberg

Schon vor und zu Zeiten Jesu und des Evangelisten gab es Könige und Königreiche. Und die Vorstellung, dass der Götterhimmel ähnlich organisiert ist bzw. dass der Hof des Königs ein irdisches Abbild der himmlischen Götterwelt ist. Wer also von den Göttern und ihrer Macht reden wollte, konnte kaum anders, als höfisches Vokabular zu nutzen. Heute kennt man den Begriff Reich aus harmloseren Zusammenhängen: Tierreich zum Beispiel. Alle Assoziationen haben eins gemeinsam: Sie beschreiben einen begrenzten Raum, der kommen wird. Da ist er anscheinend noch nicht, immerhin beten wir: „Dein Reich komme“.

In den griechischen Texten wird hier das Wort „basileia“ verwendet, was so viel wie Königreich, Königsherrschaft bedeutet. Obwohl es nicht ausdrücklich da steht, es der Zusammenhang aber hergibt, wird in Gedanken meist ein „tou theou“ mitgelesen. „Basileía tou theou“ kann man mit Reich Gottes übersetzen. Im Matthäusevangelium wird dagegen häufig die Formulierung „basileía tõn ouranõn“ genutzt, die mit Königreich/Königherrschaft der Himmel übersetzt werden kann. Im weiteren Laufe des Evangeliums wird klar, warum Matthäus das tut: Dieses Reich, von dem er redet, ist nicht nur das Reich Gottes, es ist auch das Reich Jesu, der ja der Sohn Gottes ist. Während z. B. der Evangelist Markus schreibt, dass der Menschensohn in die Herrlichkeit des Vaters kommt, ist es bei Matthäus das Reich des Menschensohnes (Mk 9,31 und Mt 16,28). Das Vaterunser allerdings, das sei betont, ist kein christologisches, sondern ein jüdisches Gebet. Hier geht es um das Reich des Vaters.

Nun müssen einen diese feinen Unterschiede nicht beunruhigen. Im entscheidenden Punkt, nämlich in der inhaltlichen Ausgestaltung dessen, was dieses Reich ausmacht, ist die Sache klar: Dieses Reich, um das wir bitten, ist ein Gegenentwurf zu allen Herrschaftsformen, die wir auf Erden kennen, weil es mit Herrschaft gar nichts zu tun hat. Sein Herrscher – was hier wirklich ein falsches Wort ist –, garantiert Freiheit und Wohlergehen für alle. Niemand anderes hat in diesem Reich etwas zu sagen. Diese Art des Miteinanders hat mit Jesus begonnen, er hat sie gelebt und verkündet, aber nicht vollendet. Wie auch? Aber er hat, so schreibt es Prof. Hubert Frankemölle, auf dessen Buch „Vaterunser – Awinu“ sich diese Beiträge beziehen, gelebt „in einem Grundvertrauen zur schöpferischen Fürsorge Gottes für den Einzelnen in Gegenwart und Zukunft“.

Die Perspektive, dass dieses Reich Gottes erst noch oder weiterhin kommen möge, also noch nicht da ist, hat auch etwas Entlastendes: Das Reich Gottes ist nicht gleichzusetzen mit dem Volk Gottes, auch die Kirche ist nicht das fertige Reich Gottes.

„Dein Reich komme“ ist eine Bitte, gesprochen in dem Vertrauen, dass es kommt, dass wir uns aufeinander zu bewegen und es möge den Beter aufrichten – so wie die Ankündigung „Mama kommt gleich“ ein Kind aufrichtet.

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