„Der Auferstandene ist der Gekreuzigte“

Was erzählen eigentlich die Osterevangelien?

Fangen wir mit etwas Beruhigendem an: Wenn nicht kurz nach Jesu Tod Menschen die Erfahrung gemacht hätten, dass er lebt, gäbe es die Kirche nicht, dann gäbe es diese Zeitung nicht und dann gäbe es auch Menschen wie Professor Hans-­Ulrich Weidemann (Foto) nicht.

Prof. Dr. Hans-Ulrich Weidemann ist Neutestamentler an der Uni Siegen. Foto: Uni Siegen

 

von Claudia Auffenberg

Er ist Neutestamentler an der Uni Siegen, einer also, von dem man hofft, er wisse, was an Ostern konkret geschehen ist. Doch er sagt: „Nein.“ Wie bitte?

Beim Lesen der Osterevangelien ist manches zu bedenken: etwa, dass die Sprache eine sehr begrenzte Angelegenheit ist. Es gibt Erfahrungen, die nicht in Worte zu fassen sind – zum Beispiel die Geburt eines Kindes – die man aber, um sie weiterzugeben, in Worte fassen muss, und dann bleibt es fragmentarisch, vielleicht sogar missverständlich. Das nächste Problem: Wir leben heute in einer visuellen Welt, wir haben irgendwie alles schon gesehen, wir haben für alles und jedes sofort Bilder im Kopf, die wir für realistischer halten als Worte. Und: Wir leben nach der Aufklärung. Wir, die „Tatort-­Gucker“, fragen heute: Was ist damals in Jerusalem geschehen? Und so liest man die Osterevangelien und denkt, das sei dort geschehen: Ein wiederbelebter Leichnam, der mit Superkräften ausgestattet war, sei durch Wände gegangen und habe sich in Luft auflösen können. Wollten die Zeugen der Auferstehung das sagen? Heißt Auferstehung Wiederbelebung? Und wenn nicht, was heißt es dann, und was hat es mit dem Leben von uns Heutigen zu tun?

Prof. Weidemann erinnert daran, dass die Evangelien nicht die ältesten Zeugnisse der Auferstehung sind. Diese finden sich bei Paulus. So empfiehlt er, erst einmal dort nachzulesen. Und: Überraschung – Paulus erzählt von den Oster­ereignissen nichts. Er redet ganz anders und bezeichnet den Auferstandenen als den Lebendigen, als den Erhöhten, als den, der zur Rechten Gottes sitzt, als Herr, der weder Lebende noch Tote ihrem Schicksal überlässt.

Das heißt, Jesus hat die Grenze des Todes, die wir im Diesseits als das absolute Ende einer zwischenmenschlichen Beziehung erleben, überwunden. Dieses Ende gibt es nicht mehr. Man ist geneigt, nachzufragen, was genau Paulus zu dieser Erkenntnis gebracht hat, doch das wäre wieder so eine Frage des 21. Jahrhunderts. Paulus selbst spricht von einer Vision, aber auch da ist man heutzutage ratlos.

Interessant sei, sagt Weidemann und kommt doch auf die Evangelien zu sprechen, dass darin wenig Konkretes über das steht, was uns heute interessiert. „Niemand sagt, was im Grab passiert ist.“ Die Ostererzählungen wollen offenbar nichts Vergangenes überliefern im Sinne einer Reportage, sondern zielen in die Zukunft. Und nun, so Weidemann, werden die Details bedeutend. Zum Beispiel: Die Jüngerinnen und Jünger erkennen den Auferstandenen nicht an seinem Aussehen oder an seiner Frisur, sondern an seinen Wundmalen. „Der Auferstandene ist der Gekreuzigte“, so Weidemann, „und: Er entzieht sich, er bleibt nicht.“ Stimmt, so fangen ja schon die Geschichten am leeren Grab an: Dem Einbalsamieren entzieht er sich. Apropos Grab: War es leer? Weidemann sagt, dies lasse sich mit streng historischen Methoden nicht mehr nachweisen. „Nachweisbar ist für uns der Osterglaube jener Juden, die Jesus zu Lebzeiten nachgefolgt waren und später dann die Ortstradition der Grabeskirche in Jerusalem.“ Das leere Grab habe allerdings keine Osterfreude bei den Frauen ausgelöst, sondern Angst und Schrecken. Dennoch ist es ihm ein wichtiges Motiv: „Es sagt mir, dass das ewige Leben bei Gott kein rein geistiges ist, sondern eine leibliche Dimension hat, die mich ja als Mensch auszeichnet.“

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