Die Mitte der Kirche

Geistlicher Glaubensimpuls

Beim Räumen fällt ein altes Neues Testament aus dem Schrank. Ein schmales, handliches Bändchen. Vorn auf der ersten Seite steht eine handgeschriebene Widmung: „Möge Christus in deinem Leben immer die entscheidende Rolle spielen! Deine Lehrerin“, ihren Namen lassen wir hier mal weg, datiert ist die Widmung vom 14. März 1959.

Die handgeschriebene Widmung einer Lehrerin an einen Firmling aus dem Jahr 1959. Foto: Auffenberg

 

von Claudia Auffenberg

Eine kleine Recherche ergibt: Das Buch ist ein Geschenk zur Firmung, die Lehrerin war die Firmpatin für die ganze Klasse. Was meint sie mit dieser Widmung? Ist das ein Wunsch oder ein Anspruch? Vielleicht beides.

Interessant ist – vielleicht nur aus heutiger Sicht –, was sie nicht schreibt: „Mögest du der Kirche treu bleiben“ oder „Mögest du immer die heilige Messe besuchen“ oder so etwas. Sie stellt die Beziehung zu Christus in den Mittelpunkt. Ach, Gott, ja, die Frage, was Jesus getan hätte, begleitet einen ja selbst so ungefähr seit der eigenen Firmung. Nicht unbedingt mit Blick auf das eigene Leben, sondern mit Blick auf das Leben in der Kirche. Ist die real existierende Kirche wirklich die, die Jesus gewollt hat? Was würde er sagen, wenn er heute mal wieder vorbeischauen würde? Mit großer Mehrheit würden die Katholiken (und für ihre Seite auch die Protestanten) vermutlich antworten: Nichts! Und: Er wäre entsetzt. Es gibt großartige literarische Umsetzungen für diese These. Dostojewskis Großinquisitor zum Beispiel. Und jetzt, in der gegenwärtigen Krise beschleicht sogar die Bischöfe das Gefühl, aus der Spur gekommen zu sein. Kardinal Marx jedenfalls sagte ein paar Tage nach der Bischofskonferenz: „Wenn wir in die Zukunft gehen, müssen wir uns orientieren an der Person Jesus von Nazareth. Wir haben die Verpflichtung, auf das Wort Gottes zu hören.“ Dabei soll der „synodale Weg“ helfen, den die Bischöfe in Lingen beschlossen haben.

„Möge Christus in deinem Leben immer die entscheidende Rolle spielen!“

Ein Wunsch, ein Anspruch, ein Hut, der einfach nicht alt werden will und der wohl auf viele Köpfe passt. Auch auf den eigenen ...

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