Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Gedanken zu Joh 16,12-15

Die Wahrheit des Glaubens will in persönlicher Erfahrbarkeit aufleuchten und erlebt werden.

Foto: Rainer Sturm / pixelio

 

von Georg Kersting

Vom Trainer Otto Rehhagel stammt der berühmte Satz: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“ Bei einer Pressekonferenz im Jahr 2012 spielte er damit auf eine verwandte Fußball-­Weisheit des früheren BVB-Kapitäns Adi Preißler an: „Grau is im Leben alle Theorie – aber entscheidend is auf’m Platz.“ – Man kann sich am Schreibtisch oder in der Kabine vor dem Spiel eine bestimmte Taktik überlegen und ein entsprechendes Trainingskonzept verordnen. Ob dieser Plan aber aufgeht mit den Spielern der eigenen Mannschaft und den konkreten Gegnern, bei bestimmten Wetterverhältnissen und den aktuellen Spielbedingungen im Stadion, das entscheidet sich in den 2 x 45 Minuten auf dem Fußballplatz.

Im Abendmahlssaal sagt Jesus seinen Jüngern: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.“ (Joh 16,13) Die Wahrheit des Glaubens ist ein Geschenk, eine Gabe: Gott, der Vater, hat seinen Sohn und seinen Geist gesandt, um sein göttliches Leben zu offenbaren. Mit Karfreitag, Ostern und Pfingsten, im Tod und in der Auferstehung Jesu und in der Sendung des Heiligen Geistes ist die Offenbarung Gottes abgeschlossen. In dieser Wahrheit Gottes wird der Geist die Jünger in die Zukunft leiten. Dieser Geist der Wahrheit wird die Jünger aber auch „in die ganze Wahrheit führen“, wie es in der bisherigen Einheitsübersetzung heißt. Die Wahrheit des Glaubens ist auch etwas ‚vor uns‘. Unter der Führung des Geistes erweist sie sich erst noch in der konkreten Geschichte. Die Wahrheit des Glaubens liegt auf dem Platz unseres Lebens.

In meinem konkreten Leben erfahre ich im Vertrauen auf Gott die Möglichkeiten, die der Glaube in mir und in anderen freisetzt. Wenn ich an Grenzen stoße, kann ich Gott als Maßstab und Orientierung erfahren, als Anfrage und He­rausforderung, als Hilfe und Beistand, als Vergebung und neuen Anfang. Im Glauben erfahre ich Hilfe. Im Vertrauen auf Gott in meinem konkreten Alltag vertieft sich aber auch mein Verständnis von Gott. Ich kann mehr und mehr sagen, wer und wie Gott für mich ist.

Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für die Gemeinschaft der Glaubenden. Die Offenbarung Gottes ist in Christus und in der Sendung des Geistes unüberbietbar abgeschlossen. Aber das Verständnis dieses Glaubens ist im Laufe der Zeit bis in die Definition von Dogmen und Glaubensbekenntnissen hinein durch konkrete geschichtliche Anfragen und Herausforderungen, aber auch durch Krisen und Konflikte hindurch gewachsen. Und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, solange wir als Kirche in jeweils einer bestimmten Zeit und Kultur leben.

Unsere gegenwärtige geschichtliche Zeit ist geprägt von Wohlstand und Armut, von Freiheit und Pluralismus. In Wissenschaft und Technik geschehen vielfältige Innovationen, es werden aber auch die natürlichen Ressourcen von Wasser, Erde und Luft achtlos verschleudert. Das Bewusstsein von politischer Teilhabe und Geschlechtergerechtigkeit wächst und doch sehnen sich viele immer wieder nach dem starken Mann. Religionen werden in unserer Zeit als Gefahr, aber auch als Chance für den Frieden begriffen und eine säkularisierte Weltsicht wird immer plausi­bler. In dieser Zeit können und müssen wir den Glauben an den dreifaltigen Gott noch einmal ganz neu durchbuchstabieren. Unter diesen konkreten Bedingungen verändert, erweitert, vertieft, modifiziert, korrigiert sich unser Verständnis von Gott.

Gleiches gilt für die gegenwärtige Kirchensituation. Die heutige Zeit konfrontiert die Gemeinschaft der Glaubenden mit der beschämenden Wahrheit des sexuellen Missbrauchs. In diese Stunde hat Gott uns hineingestellt. Er lässt sich erfahren als derjenige, der an der Seite der Kleinen und Schwachen steht. Er verleiht Verantwortung, fordert sie aber auch ein. Er lässt keine billigen Entschuldigungen zu und ermöglicht doch neue Anfänge. Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Danken wir dem dreifaltigen Gott, dass er uns „in der Wahrheit leitet“ und „uns in die ganze Wahrheit führt“.

Zum Autor: Georg Kersting ist Pfarrer und Leiter des Pastoralen Raumes An Egge und Lippe.Foto: Rainer Sturm/pixelio

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