… durch meine Schuld...

Gedanken zu Mt 18,21-35

Eine liturgische Formel, die helfen kann, sich stets als „Schuldner Gottes“ zu wissen.

von Christhild Neuheuser

Wie mag es den Menschen ergangen sein, die dieses Gleichnis damals aus dem Munde Jesu hörten? Haben sie es als total verrückt und unmöglich abgetan? Haben sie spöttisch gefragt, welcher König so unvernünftig und zugleich so barmherzig und grausam sein kann, dass er nach anfänglicher Verurteilung zum Sklavendienst dann – von Mitleid gerührt – diesen Riesenschuldenberg einfach so erlässt und schließlich gnadenlos die Folter anordnet, unter der jedenfalls keine Rückzahlung zustande kommen kann? Wieso soll das ein Bild für den himmlischen Vater sein? Vielleicht haben sich aber auch manche gefragt, ob ein so überreich Beschenkter wie dieser Schuldner wirklich so knauserig sein kann. Ist das nicht alles in jeder Hinsicht maßlos übertrieben?

Aber Jesus bedient sich nicht ohne Grund solch dramatischer Zuspitzungen. Er zielt auf das Herz seiner Zuhörer, will Betroffenheit, Einsicht und Umkehr erwecken, Betroffenheit über die Konsequenzen falscher Entscheidungen, Einsicht in die unbegreiflichen Ausmaße göttlicher Barmherzigkeit, Umkehr zu einem Verhalten, das der Liebe Gottes entspricht.

Mit diesem Gleichnis veranschaulicht Jesus seine Antwort auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder zu vergeben habe. Nicht eine Zahl wie „Siebenundsiebzigmal“ ist der Maßstab, sondern die überfließende Gnade Gottes. Das Übermaß göttlicher Vergebung macht Jesus mit der Höhe der Schuld deutlich. Zehntausend Talente, das ist mehr als das zehnfache Jahresgehalt des Königs Herodes von 900 Talenten. Die Schuld des Mitknechtes von 100 Denaren entspricht dagegen dem, was ein Tagelöhner in 100 Tagen verdiente.

Eine ähnliche Relation könnte uns in den Sinn kommen, wenn wir die große Schuld, früher noch die „übergroße Schuld“, die wir im Confiteor der heiligen Messe bekennen, mit dem vergleichen, womit ein Mitmensch an uns schuldig geworden ist. Das könnte ein Heilmittel sein gegen die Tendenz, den Splitter in des anderen Auge besser zu sehen als den Balken im eigenen. Unsere Fähigkeit, von Herzen zu vergeben, wächst in dem Maße, in dem wir etwas vom Herzen Gottes verstehen und erfahren haben.

Beim Empfangen und Gewähren von Vergebung kann auch die Doppeldeutigkeit des Wortes „Schuld“ bedacht werden: Schuld im Sinne von „schuldig werden“ und im Sinne von „jemandem etwas schulden“. In unserem Gleichnis spielen beide Bedeutungen eine Rolle: Der Diener schuldet dem König Geld und er wird wegen seiner Hartherzigkeit schuldig an seinem Mitknecht und dadurch auch an seinem Herrn. Könnte dieser doppelte Wortsinn nicht auch hilfreich sein, wenn wir beim Gottesdienst bekennen: „… durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld“?

Aus Gesprächen und eigener Erfahrung weiß ich, dass weniger ein tiefes Schuldgefühl als mehr die liturgische Textvorgabe zu diesem oft als unaufrichtig oder übertrieben empfundenen Bekenntnis führt. Hilfreich war da für mich ein Vortrag von Reinhard Körner OCD, bei dem er im Zusammenhang mit der Vergebungsbitte im Vaterunser darauf hinwies, dass wir immer „Schuldner Gottes“ sind, die seine Liebe nie angemessen erwidern können und deshalb um „Schuldenerlass“ bitten. Als „Schuldner Gottes“ sind wir immer zugleich „Schuldner der Menschen“, vor allem durch das, was „fehlt“, entsprechend dem Urteil Jesu im Endgericht: Das habt ihr mir nicht getan!

Das wird auch in einem Text aus dem neutestamentlichen Wörterbuch des evangelischen Theologen Ralf Luther deutlich: „Was wir Gott schuldig blieben, ist schließlich eins: die große Ergriffenheit, die rückhaltlose Hingabe … der gleichmäßige Wille, ihm zu dienen; die Ehrfurcht vor dem Bild Gottes im Mitmenschen, die Lust, ihm zu helfen; die vollkommen gelöste Güte gegen Freund und Feind; mit einem Wort: die Liebe zu Gott und seinem Werk“ (­www.­jesus.ch).

Zur Autorin:

Sr. Christhild Neuheuser ist Schwester der Christlichen Liebe und Referentin im Haus Maria Immaculata in Paderborn.

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