Ein digitaler Tsunami

Ägidius Engel, Geschäftsführer des Diözesan-Ethikrates, schildert die fundamentalen Veränderungen

Detmold. Die Gegenwart erlebt einen digitalen Tsunami der Veränderung. Wie können wir mit den Herausforderungen der digitalen Welt umgehen, wie müssen wir darauf reagieren? Darum ging es bei einem Vortrag von Ägidius Engel im Haus am Dolzer Teich in Detmold.

Ägidius Engel ist Geschäftsführer des Diözesan-Ethikrates im Erzbistum Paderborn. In Detmold war er auf Einladung des Caritasverbandes für den Kreis Lippe und die Stadt Bad Pyrmont. Der Vortrag im Haus am Dolzer Teich war Teil der Caritas-Jahreskampagne „Sozial braucht digital“. Die Caritas will damit auffordern, den digitalen Wandel mitzugestalten und ihn nicht nur der Wirtschaft und Industrie zu überlassen.

Doch wie kann das gelingen? Ägidius Engel schilderte ausführlich die fundamentale Veränderung der Welt durch „Big Data“, die Auswertung großer Datenmengen. Es sind nicht nur die viel geliebten und oft geschmähten sozialen Medien wie Facebook oder Insta­gram, die uns „smart umhüllen“. Die puren Datenmengen, die von jedem von uns digital erhoben werden, sind erschreckend. Die Folge ist der gläserne Mensch, der leicht zu manipulieren scheint.

Ein Ethiker wie Ägidius Engel ist besonders an den moralischen Fragen interessiert, die sich durch die „Algorithmisierung von Entscheidungen“ ergibt. Was ist, wenn das selbstfahrende Auto mit drei Insassen auf drei Passanten zufährt und nur dann ausweichen kann, indem es gegen eine Barriere steuert? Die Verletzung oder sogar den Tod welcher Personengruppe wird es wählen?

Autonom steuernde Fahrzeuge werden von Menschen programmiert, deren ethische Einstellungen und kulturelle Einstellungen sich in der Programmierung wiederfinden. Auftraggeber und digitale Unternehmer erlangen dank ihrer gesammelten Daten unermessliche Macht. Diese menschlichen Faktoren der Digitalisierung sind Grund zu Sorge.

In China ist die digitale soziale Kontrolle so weit fortgeschritten, dass der weitgehend überwachte Mensch nur dann einen Führerschein erhält, wenn er genug „Social-Credit-­Points“ gesammelt hat. Jedes Fehlverhalten, das im Internet festgehalten wird, führt zu einem Punkteabzug. Wer immer schon Angst vor dem „großen Bruder“ aus der Orwellschen Fiktion hatte – hier scheint diese Zukunftsangst bereits Realität geworden zu sein.

Nach und nach übernimmt die „Künstliche Intelligenz“ (KI) die Kontrolle, sich selbst steuernd und sich selbst weiterentwickelnd. Bald schon werden digitale Programme und Maschinen Dinge erledigen, die heute noch Menschen besser tun können. Spätestens wenn Maschinen schlauer sind als Menschen, stellt sich die grundsätzliche Frage, ob wir das wirklich wollen. In welcher Welt wollen wir leben? Wer wollen wir sein, was dürfen wir noch sein?

Auf Fragen wie diese antwortet die philosophische Disziplin der Ethik. Ägidius Engel hatte zu seinem Vortrag einen Büchertisch und eine lange Bücherliste mitgebracht. Die Zahl der Autoren, die das Phänomen der unaufhaltsamen Digitalisierung auf ihre ethische Verträglichkeit untersuchen, ist schier unüberschaubar. Die meisten Bücher, die Engel vorstellte, gehen kritisch mit dem Thema um.

Ägidius Engel blieb in seinem Fazit verhaltener. Er hoffe, dass die Vorteile der digitalen Welt deren Nachteile mehr als ausgleichen können, sagte er. Nicht entlasten konnte er seine Zuhörer von einer Verpflichtung, die jeden betrifft. Wer im digitalen Zeitalter „datensouverän“ leben will, muss sich informieren und bewusst und selbstbestimmt Grenzen ziehen, um seine Privatsphäre zu schützen.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel