Es ist ein Jude!

Über die Identität des Kindes in der Krippe

In Zeiten wie diesen, in denen der Antisemitismus in der Gesellschaft wieder zunimmt, sollte man an Folgendes erinnern: Was derzeit schon vielerorts so süßlich besungen wird und die Herzen rührt und was demnächst auch in der Kirche zu hören ist, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas nämlich, ist kein westliches Weihnachtsmärchen nach Art der Brüder Grimm.

Eine kleine jüdische Familie: die Krippe in Willebadessen. Foto: Auffenberg

 

von Claudia Auffenberg

Auch Coca Cola hatte seine Finger nicht im Spiel. Dieses ist eine ganz und gar jüdische Geschichte: Eine jüdische Familie bekommt einen Sohn, den sie ganz nach jüdischer Tradition aufnimmt. Erzählt wird diese Geschichte von einem Juden, den wir nach der Tradition Lukas nennen. Da­ran erinnert die Paderborner Neutestamentlerin Prof. Maria Neubrandt in einem Beitrag für das Schweizer Bibelwerk.

Nun muss man sagen, dass auch die Christen in der Vergangenheit dies nicht so gern gehört haben. Und es ist anscheinend nicht vorbei. Jüngst musste sich der emeritierte Papst noch des Vorwurfes erwehren, er plädiere für die Mission der Juden, was er inzwischen dementiert hat.

Man hat gerade im sogenannten lukanischen Doppelwerk, Lukas hat auch die Apos­telgeschichte geschrieben, einen Bruch zu erkennen geglaubt zwischen dem alten Volk Gottes, den Juden, und dem neuen Volk Gottes, den Christen. Tatsächlich aber hält Lukas daran fest, dass „Gottes Treue zu seinem erstberufenen Volk unverändert bestehen bleibt“, so Neubrandt. Dazu braucht man nur einmal die drei Hymnen zu lesen, die die Kindheitsgeschichte des Lu­kas­evangeliums enthält und die heute Teil der christlichen Liturgie sind. Das bekannteste (und erste) ist das Magnifikat, der Lobgesang Mariens. Lukas bringt ihn an einer interessanten Stelle: Maria, aus Sicht ihres Umfeldes zu früh schwanger geworden, flüchtet zur älteren Elisabeth, die wiederum zu spät schwanger geworden ist. Zwei Frauen also, die mehr wissen, aber das alles womöglich nicht begreifen können. Nun begegnen sie sich und im Leib der Elisabeth hüpft das Kind. Sie wird vom Geist erfüllt und ruft „mit lauter Stimme“ einen Lobpreis auf Maria aus. Dieser löst nun auch deren Zunge und sie preist ihren Gott. Als junge Jüdin tut sie es ganz in jüdischer Diktion. Literarische Vorbilder in der Bibel sind das Loblied der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel. Auch sie hat Gottes Wirken an sich erfahren, in ihrem Loblied heißt es: „Der Herr macht arm und macht reich. Er erniedrigt und er erhöht.“ Noch eine biblische Sängerin fällt einem ein, die in der Bibel textmäßig etwas zu kurz kommt, aber Sieger Köder hat sie wunderbar ins Bild gebracht: Miriam, die Schwester des Mose. Und natürlich ist das Magnifikat in­spiriert von den Psalmen, dem großen jüdischen Gebetsschatz. Gleiches gilt auch für die beiden nachfolgenden Lieder in der Kindheitsgeschichte des Lukasevangeliums, jetzt singen zwei Männer: das Benedictus des Zacharias und das Nunc dimittis des geisten Simeon.

Wenn man die Liedtexte liest, wenn man ihren Zusammenhang betrachtet, wenn man ihre Vorbilder anschaut, dann wird klar: „Gepriesen wird in diesen hymnischen Texten jeweils der eine Gott Israels für sein befreiendes Wirken an Einzelnen, am Volk Israel und an Gottesfürchtigen“, so Professorin Neubrandt. Es waren also die Juden, die die Christen mit dem liebenden Gott bekannt gemacht haben.

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