„Es reute ihn“ – Worte vom Aussterben bedroht?

Mt 21,28-32

Foto: Bernd Kaspar / pixelio

 

Ehrlich vor sich selbst und vor Gott zu sein, hat eine befreiende Wirkung.

von Maria Beineke-Koch

In den vergangenen Monaten ist mir mehrfach die Initiative zur Rettung der vom Aussterben bedrohten Wörter begegnet. Mit einem gewissen Augenzwinkern wird an sprachlich schön klingende Worte wie „Sommerfrische“ oder „saumselig“ erinnert, die kaum noch genutzt werden und in Vergessenheit zu geraten drohen. Bodo Mrozek sammelt diese Worte im „Lexikon der bedrohten Wörter.“ Diese Initiative kam mir beim Lesen des heutigen Evangeliums in den Sinn.

Den Text des heutigen Sonntags – das Gleichnis vom willigen und unwilligen Sohn – finden wir bei Matthäus in einer Reihe von Streitgesprächen Jesu mit den Schriftgelehrten in Jerusalem. Jesus ist nach Jerusalem gekommen und der Konflikt um seine Person und seine Predigt spitzt sich zu. In dieser Situation der Entscheidung verdeutlicht Jesus seinen Zuhörern gegenüber die Bedeutung der eigenen inneren Haltung und des Handelns.

„Es reute ihn“. An diesen Worten bleibe ich hängen. Da zeigt sich der eine Sohn unwillig, der Aufforderung des Vaters zu folgen, im Weinberg zu arbeiten. Er lehnt es ab. Doch dann bereut er seine Haltung und geht doch in den Weinberg, um seine Aufgabe zu erledigen.

Das kleine Wort „Reue“ – mir scheinen dieses Wort und die dahinter liegende Haltung zur Umkehr zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Sowohl im persönlichen Bereich als auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen nehme ich ein Verhalten wahr, sich schnell zu entschuldigen und zur Tagesordnung überzugehen. Für mich wurde das auch beim Umgang mit der Diesel-­Abgasaffäre deutlich.

Ehrlich empfundene Reue schmerzt; sie geht mir zu Herzen; ich werde mir bewusst, dass ich mir und dem Anderen Schaden zugefügt habe. Ich schäme mich meines eigenen Verhaltens. Und wenn ich so aufrichtig bereue, dann hat das Konsequenzen. Ich werde mein Verhalten ändern, um Vergebung bitten und mich nicht „herauswinden“ mit Ausflüchten.

Der Sohn bereut seine ablehnende Haltung dem Vater gegenüber und „er ging doch“. Diese Haltung zeugt von einer inneren Größe. Der Sohn kann zu sich selbst und seinem Fehlverhalten stehen und es korrigieren. Er kann ehrlich zu sich selber sein. So aufrichtig mit uns selbst umzugehen und die eigene Scham zu überwinden, das fällt uns schwer. Wir sind da­rauf bedacht, nach außen unser Gesicht zu wahren. Auch vor uns selbst wollen wir unser Fehlverhalten nicht eingestehen. Wir wollen unser Selbstbild eines „rechtschaffenen“ Menschen aufrechterhalten. Wir wollen unseren eigenen hohen Erwartungen entsprechen. Es kratzt an unserem „Idealbild“, wenn wir uns eingestehen müssen, dass wir unseren eigenen Ansprüchen, keine Fehler zu machen und nicht schuldig zu werden, nicht gerecht werden können. Ich nehme an, dass auch eine strenge moralische Haltung der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten dieses Vermeidungsverhalten mitgeprägt hat.

„Sorry seems to be the hardest word“, so sang Elton John schon 1976.

Das heutige Evangelium macht uns Mut, zu eigenem Versagen zu stehen. Vor Gott müssen wir nicht „unser Gesicht wahren“. Die Umkehr ist es, auf die es ankommt. Aus den eigenen Fehlern zu lernen, das führt zum Heil. Ich wünsche uns allen, dass wir „fehlerfreundlicher“ leben können. Mögen wir gnädiger über uns selbst urteilen. Möge uns das Wort „sorry“ über die Lippen kommen. Möge das Wort „Reue“ und die dahinter liegende Haltung nicht aussterben, sondern uns den Weg zum Vater im Himmel weisen.

Zur Autorin:Maria Beineke-Koch ist freiberuflich als Religionspädagogin tätig.

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