„Glaube und Kirche sind kein Museum“

Ein Interview mit Monsignore Georg Austen über das Projekt „Herkunft hat Zukunft“

Paderborn. Monsignore Georg Austen ist General­sekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken und Sekretär des Diaspora-­Kommissariates der deutschen Bischöfe. Der DOM sprach mit ihm über die Beweggründe und die Ziele des Projektes „Herkunft hat Zukunft“, mit dem sich das Bonifatiuswerk an dem Europäischen Kultur­erbejahr beteiligt.

von Karl-Martin Flüter

Monsignore Austen, das Bonifatiuswerk ist das einzige katholische Hilfswerk in Deutschland, das sich am Europäischen Kulturerbejahr als Partner beteiligt. Sie repräsentieren damit in diesem Projekt die katholische Kirche. Warum hat sich das Bonifatiuswerk so sehr engagiert?Wir sind sehr froh, dass wir am Projekt „Sharing Herit­age“, dem Europäischen Kulturerbejahr, teilnehmen können. Wir wollen uns auf diese Weise auf die Suche nach Spuren des Glaubens in der Gegenwart machen und daraus Impulse für unser heutiges Leben gewinnen.

Wir leben in sehr großen Ungleichzeitigkeiten. In Europa, ich denke da auch besonders an Ostdeutschland, gehören in manchen Ländern und Regionen bis zu 80 Prozent der Bevölkerung keiner christlichen Konfession mehr an. Auch in christlich geprägten Gebieten fällt die prägende Kraft des Christentums nicht selten aus.

Gleichzeitig sehen wir, dass viele unserer wertvollen Traditionen immer noch von Menschen genutzt werden. Manch­mal ist ihnen dieser Ursprung gar nicht mehr bewusst. Dadurch können bestimmte Rituale zu bloßem Unsinn verkommen.

Es gibt keine Zukunft, wenn ich meine Herkunft vergesse. Wir können aber auch bewusst die Chance nutzen, auf den Schultern unserer Vorfahren zu stehen, die aus diesem Glauben die Welt gestaltet haben. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, wie wir mit diesem Erbe in die Zukunft gehen wollen – auch was wir vielleicht ändern müssen. Denn Glaube und Kirche sind kein Museum, sondern haben vom Auftrag Jesu her immer schon den Anspruch, die Gegenwart und Zukunft lebendig und maßgeblich mitzugestalten. Natürlich muss dies heute als gemeinsames Zeugnis aller Christinnen und Christen erfolgen, in wirklicher ökumenischer Verbundenheit.

Sie betonen, wie wichtig es ist, das christliche Erbe im Alltag zu spüren.

Wo berührt der christliche Glaube, die christliche Botschaft die Existenz des Menschen? Das ist die wichtige Frage, die wir uns stellen. Wir sind daran interessiert, in welchen Situationen Menschen den Glauben konkret erfahren. Wann und wie hilft mir der Glaube, das Leben zu gestalten? Die Botschaft unseres Glaubens ist es, ein Leben in Fülle zu leben und gleichzeitig eine Antwort auf die existenziellen Fragen zu haben, die Leiden und Tod uns stellen. Der Glaube muss jedoch immer auch durch ganz konkrete Menschen bezeugt werden. Wir sollen von der großen Barmherzigkeit und Güte Gottes nicht nur groß denken, sondern entsprechend handeln und mit unserem Leben dafür einstehen. Unsere Heiligen haben durch ihr Leben Antworten auf solche existenziellen Fragen gegeben. Deshalb setzen wir uns im Rahmen des Projektes auch so intensiv mit diesen großen Gestalten unseres Glaubens auseinander. Gerade sie bezeugen doch: Der Mensch ist mehr als ein bloßer Konsument, Verbraucher von Ressourcen und Kostenfaktor. Wir bleiben oft hinter unseren eigentlichen Möglichkeiten zurück.

Sie haben einen Medienwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich Jugendliche mit Kurzfilmen über Heilige oder regionale Feste und Bräuche beteiligen können.

Wir versuchen im Rahmen des Projektes junge Menschen für die Suche nach Persönlichkeiten zu interessieren, die aus dem Glauben heraus gehandelt haben. Menschen, die uns heute etwas zu sagen haben, auch wenn sie vielleicht vor langer Zeit gelebt haben. Solche „Helden des Alltags“ nennen wir in der katholischen Kirche Heilige. Und wenn Schüler über Heilige nachdenken und Kurzfilme darüber drehen, dann haben sie sich auf die Suche nach dem Glauben gemacht.

Ein Kongress in Paderborn wird im November Höhepunkt des Projektes „Herkunft hat Zukunft“ sein. An der Abschlussdiskussion über eine gemeinsame Zukunft der Religionen nehmen jüdische und muslimische Vertreter teil. Wie offen ist das Konzept der christlichen Herkunft Europas für andere Religionen? Wir leben in einer Welt, die multikulturell und multireligiös geprägt ist. Die Wirklichkeit wird heute als besonders vieldeutig und multiperspektivisch wahrgenommen. Deshalb wollen wir gerade mit den anderen monotheistischen Religionen darüber diskutieren, wie wir gemeinsam die Zukunft gestalten können. Der Ausgangspunkt eines solchen Diskurses bleibt aber die Kenntnis der eigenen Grundlagen und Inhalte. Wer seine eigenen Wurzeln nicht kennt, der bleibt oberflächlich und beliebig. Auch hier gilt unser Leitmotiv: Herkunft hat Zukunft, keine Zukunft ohne das Wissen um die eigenen Wurzeln. Diese Selbstvergewisserung ist immer notwendig. Die christliche Religion hat darüber hinaus immer den Dialog und auch die Ausei­nandersetzung mit der Philosophie der jeweiligen Zeit gesucht. Das darf heute nicht anders sein.

Deshalb setzen wir im Projekt „Herkunft hat Zukunft“ auf religiöse Bildung. Wir Heutigen bilden uns in so vielen Dingen weiter, aber die Kenntnis der zentralen Inhalte unseres Glaubens bleibt viel zu oft schon im Kommunion­anzug stecken. Dabei ist es wichtig, die Antworten des Glaubens auf die Fragen der heutigen Welt zu kennen. In welche ethischen, sozialen und Zukunftsthemen müssen wir uns einmischen?

Bei dem Kongress im November geht es auch um den „kulturellen Mehrwert“ des christlichen Glaubens. „Mehrwert“ und „Glaube“ – passen diese Begriffe wirklich zusammen?

Der Glaube hat für mich einen Mehrwert. Wenn Menschen durch den Glauben eine Orientierung für ihr Leben finden, Rückhalt und Stärkung auch in Krisen, dann ist das ein Mehrwert. Es geht auch um die Glaubensgemeinschaft. Wir setzen gegen die Vereinzelung des modernen Menschen auf Gemeinschaft im Glauben, die uns mitträgt. Ohne den Glauben wäre unsere Gesellschaft viel ärmer und egoistischer. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Mit welchen Ergebnissen des Projektes „Herkunft hat Zukunft“ wären Sie zufrieden?

Wir haben schon eine Menge erreicht, etwa wenn ich sehe, wie viele Fort- und Weiterbildungen es in verschiedenen Diözesen gegeben hat. Die Auseinandersetzung mit heiligen Menschen in unserem Filmprojekt, das vor allem Schüler anspricht, bringt junge Menschen auf eine unmittelbare Weise mit dem Religiösen in Berührung.

Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen sagen: Die Auseinandersetzung mit dem Glauben lohnt sich für mich. Wenn sie entdecken, dass der Glaube für sie eine Bereicherung ist, wenn am Ende deutlich wird, dass das christliche Erbe eine prägende Kraft für die Zukunft hat und dass wir die Erkenntnis nutzen, um uns in diesem Sinne zu engagieren: Dann ist das Projekt „Herkunft hat Zukunft“ sicherlich ein Erfolg gewesen.

Weitere Infos zum Thema finden Sie in der Print-Ausgabe des DOM Nr. 26 vom 1. Juli 2018

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