Jesus macht sich frei

Gedanken zu Mt 15,21-28

Die Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau ist eine erstaunliche Geschichte. Man muss sich wundern, dass die Evangelisten kein Problem damit hatten, sie zu erzählen.

von Claudia Auffenberg

Als gelernte Christin liest man die Evangelien grundsätzlich mit Jesus in der Rolle des Helden, des Guten, der im Voraus schon alles weiß und stets mit den besten Absichten zum Wohle aller handelt. Um das Handeln Jesu in der Geschichte daher einmal etwas neutraler zu betrachten, möge man ihm gewissermaßen eine Maske umhängen und ihn erzählerisch austauschen, entweder, indem man seinen Namen durch einen anderen ersetzt, Klaus oder Hubert, oder – da es hier um eine Heilung geht – durch „Dr. Müller“. Das liest sich dann so:

„Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu Dr. Müller und rief: Haben Sie Erbarmen mit mir, Dr. Müller! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Dr. Müller aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her. Dr. Müller antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Dr. Müller, helfen Sie mir! Dr. Müller erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“

So wird aus diesem Evangelium die Geschichte eines hartherzigen, machohaften, geradezu unchristlichen Arztes, der eine Frau zunächst igno­riert, ihr dann aufgrund ihrer – aus seiner Sicht – falschen Nationalität bzw. Religion Hilfe verweigert, sie schließlich zünftig beleidigt und dann, erst dann, ihrer Bitte nachkommt. Zur Erinnerung: Sie bittet nicht um etwas Banales, sondern um die Heilung ihrer Tochter. Und: Der machohafte Arzt ist in der echten Geschichte Jesus, den wir den Heiland nennen. Was ist da los?

Manche deuten die Geschichte so, dass die Frau hier lernt: Beharrlichkeit lohnt sich. Sie erlebt, was man aus dem eigenen Leben ja durchaus kennt: Auch in höchster Not springt einem nicht sofort irgendwer zur Seite, auch da erlebt man Zurückweisung, vielleicht sogar von Gott. Sie aber bleibt dran und erfährt Heilung.

Das ist eine mögliche Deutung. Aber lernt nicht auch Jesus etwas sehr Entscheidendes? Vielleicht könnte man etwas provokativ sagen: Dieses Evangelium erzählt, wie Jesus katholisch wird, nicht rö­misch-­katholisch natürlich, sondern katholisch im Sinne von allumfassend. Es gibt kein „entweder … oder“, sondern ein „sowohl als auch“. Kein verlorenes Schaf des Hauses ­Israel wird deswegen verloren bleiben, weil ein heidnisches Mädchen geheilt wird. Jesus erkennt, dass seine Sendung universell ist, dass die Botschaft vom Reich Gottes keine Grenzen hat, keine im herkömmlichen Sinne jedenfalls.

Für uns heute nach 2000 Jahren Christentum unter den Füßen, ist es doch ziemlich erstaunlich, wie kühl Jesus hier zunächst agiert, wie lange es dauert, bis er sich dieser Frau wirklich zuwendet. Warum haben die Evangelisten nun kein Problem damit, diese Geschichte zu erzählen? Man kann sie leider nicht mehr fragen, aber man kann doch Folgendes erkennen: Die Heilung geschieht, als Jesus sich zuwendet, als er die Tradition zurückstellt, die ihn in diesem Fall eingrenzt und vor allem dem Wirken Gottes im Wege steht. Das Wunder geschieht, als er sich auf die Beziehung einlässt.

Das könnte also neben der Beharrlichkeit auch eine Botschaft für uns heute sein: Die Tradition der Kirche, eines Verbandes, einer Gemeinde ist gut und wichtig, weil sie Halt geben kann. Aber immer ist zu überprüfen, ob sie dem Wirken Gottes, konkreter: dem Heil der Menschen im Wege steht. Dann ist der Mensch wichtiger. Die Sendung Jesu, die er seiner Kirche übertragen hat, ist der konkrete Mensch, der vor einem steht – wer auch immer das ist.

Zur AutorinClaudia Auffenberg ist Lektorin beim Bonifatius Verlag für den Bereich Religion

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