Lust auf Visionen?

Wie man ganz neue Schritte wagen kann

In der Nacht zum 21. Juli 1969 saß auch Papst Paul VI. vorm Fernsehen und war live dabei, als sich ein uralter Traum erfüllte: Der Mensch betrat den Mond. Im Oktober empfing der Papst die drei Astronauten und überreichte ihnen als Geschenk eine Statuette der Heiligen Drei Könige, die einst wie die drei Amerikaner in ein unbekanntes Land aufgebrochen waren.

Ein Astronaut an der Fassade der Kathedrale von Salamanca in Spanien. Die ältesten Teile des Gotteshauses stammen aus dem 12. Jahrhundert. Den Astronaut fertigte ein Steinmetz 1992 im Zuge von Renovierungsarbeiten. Foto: Dieter Schütz/pixelio

 

von Claudia Auffenberg

Die Motivation der Heiligen Drei Könige war allerdings eine andere. Sie suchten den neugeborenen König, die Amerikaner wollten vor den Russen oben sein. Bis heute ist Nationalstolz eine wesentliche Motivation für derlei Visionen und konkret für Mondmissionen: Die Chinesen sind erstmals auf der Rückseite gelandet, die Amerikaner wollen jetzt die ersten sein, die eine Frau hochschicken. Das alles kostet sehr, sehr viel Geld, das man in den USA mit einer Vision eher lockermachen kann als hierzulande. „In Deutschland wird man mit Visionen eher ins Krankenhaus geschickt“, sagt Dr. Martin Braun vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Da das DLR aus Steuermitteln finanziert wird, ist der Rechtfertigungsdruck hoch, und auch die Wirtschaft will in der Regel vorher wissen, womit sie Geld verdienen kann.

Die Forschung im All komme jedoch dem Menschen sehr wohl zugute: Für viele Erkrankungen und für den Alterungsprozess spielt nämlich die Schwerkraft eine große Rolle. „Alles, was wir im All da lernen, können wir umsetzen in verbesserte Diagnosen, Therapien oder Medikamente“, so Braun.

Auf dem Mond, wo die Schwerkraft deutlich geringer ist, wäre das Leben im Wortsinne leichter. „Da wäre man wie Supermann“, so Braun, man könnte Purzelbäume schlagen, überdimensionierte Treppenstufen leichter besteigen, und alte Menschen würden sich dort „sauwohl“ fühlen. Technisch sei ein Leben auf dem Mond relativ einfach möglich. Aber wegen der hohen Sicherheitsanforderungen sei es einfach sehr, sehr teuer: „Wir haben eine sehr große Verantwortung, wenn es um den Menschen geht. Der darf nicht zu Schaden kommen, und eine 100-prozentige Sicherheit können wir nicht garantieren.“

1969 gab es diese Sicherheit schon gar nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Arm­strong, Aldrin und Collins lebend zurückkehrten, war eher gering. In gewisser Weise hatten die drei mit dem Leben abgeschlossen. Ein solches Risiko würde man heute nicht mehr eingehen, sagt Markus Braun, „damals war die Schmerzgrenze noch eine andere“. Neben dem absoluten Vertrauen in die Technik und die Kollegen auf der Erde brauchten die drei vor allem Hoffnung, dass es klappt. So gesehen war für den Menschen der Schritt aus der Raumkapsel wohl doch größer als der für die Menschheit.

Kleiner Nachtrag: Bis 1973 waren insgesamt zwölf Männer auf dem Mond.

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