Mein Herr und mein Gott!

Gedanken zu Joh 20,19-31

Durch die Dunkelheit des Zweifels zum Licht des Glaubens ist der Weg auch vieler unserer Mitchristen.

Der Apostel Thomas im Freiburger Münster. Foto: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Aufnahme Christoph Hoppe

 

von Bernhard Schröder

Mit dem sprichwörtlich ungläubigen Thomas fühlen wir uns sympathisch verbunden.

Wir sehnen uns nach Beweisen, nach Sicherheiten für unseren Glauben. Das ist durchaus menschlich. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe [...] glaube ich nicht.“ So äußert sich apodiktisch der Apostel Thomas auf das begeisterte Berichten seiner Mitapostel von der Begegnung mit Christus: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Ganz offensichtlich hat Thomas die Existenz seines Meisters nach dem qualvollen Kreuzestod für endgültig als beendet betrachtet. Sein Unglaube kann durch nichts erschüttert werden, es sei denn durch im wahrsten Sinne des Wortes handfeste Beweise, durch Sehen und Betasten der Verwundungen.

Acht Tage später erscheint Jesus wiederum; dieses Mal ist Thomas dabei. Jetzt wird dem Zweifler geschenkt, was ihn zum Glauben führt: die Aufforderung, die Wunden zu berühren mit der Einladung: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Interessant ist, dass es im griechischen Urtext heißt: „Werde nicht ungläubig, sondern gläubig.“ In der Sprache des Neuen Testamentes ist Unglaube nicht nur Fehlen von Glauben, sondern eine ganz bewusste Ablehnung des Glaubens. So kann Thomas, der jetzt dem Herrn gegenübersteht, ihn sehen und hören kann, den Glauben ablehnen oder gläubig werden. Der Apostel muss in diesem Augenblick eine Entscheidung treffen. Seine Entscheidung drückt er in dem eindeutigen, klaren und großartigen Bekenntnis aus: „Mein Herr und mein Gott!“

Als amtierender Papst hat Benedikt XVI. diesen Ausspruch einmal als schönstes Bekenntnis des gesamten Neuen Testamentes gewürdigt. Christus unterstreicht die Aussage des Thomas mit der Bemerkung, dass das Sehen die Vo­raussetzung für seinen Glauben war. Und dieser Glaube war nicht nur ein Akt für den Augenblick, sondern hatte Bestand bis zu seinem Lebensende als Märtyrer, nachdem er als Missionar in Persien und Indien den Auferstandenen verkündet hatte.

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Thomas von Aquin kommentiert entsprechend: Viel mehr Verdienst hat der, der glaubt, ohne zu sehen, als der, der sieht und glaubt. Der Hebräerbrief formuliert: „Glauben ist Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (­Hebr 11,1).

Die Begegnung des ungläubigen Thomas mit dem auferstandenen Herrn kann uns in unserer Ungewissheit trösten und zeigen, dass Zweifeln über alle Ungewissheit hinweg auch zum Licht des Glaubens führen kann. Die Baumeister des berühmten Freiburger Münsters haben diese nachösterliche Begegnung in steinerne Gotik gesetzt: An den Bündelpfeilern stehen an der vordersten, prominenten Stelle nicht etwa der Apostel Petrus oder der Lieblingsjünger Johannes, sondern – ganz unüblich – Thomas, der Zweifler. Ihm gegenüber steht der auferstandene Christus. Er schlägt sein Gewand zurück und zeigt auf die Seitenwunde. Tastend streckt ihm Thomas zwei Finger entgegen. Unterhalb dieses Figurenpaares wird auf dem Altar Eucharistie gefeiert: Tod und Auferstehung Jesu Christi. Hier tritt Christus selbst in unsere Mitte, mit ihm sind wir verbunden, ebenso mit allen Heiligen und Verstorbenen, die den Glauben an die Auferstehung empfangen, gelebt und weitergegeben haben – bis in unsere Zeit, bis in unsere Herzen. Mit allen, mit denen wir durch die Taufe verbunden sind, dürfen wir in das Bekenntnis an Christus lobend, dankend und Glaubenskraft schöpfend einstimmen: „Mein Herr und mein Gott!“

Zum Autor:Monsignore Bernhard Schröder ist Subsidiar im Kirchspiel Drolshagen und Präses des Diözesan-Cäcilienverbandes Paderborn.

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