Neues Leben für zwei Frauen

Gedanken zu Mk 5,21-43

Sehen, wahrnehmen, begegnen, berühren, heilen.Foto: daviles/photocase

 

Im Vertrauen auf Jesus geschehen Heilung und Neuanfang.

von Gisela Sturm

Zwei Frauen erleben eine Krise. Die eine, ganz jung, ist in akuter Lebensgefahr. Die andere, erwachsen, leidet schon seit Jahren und hat bereits vieles versucht, um gesund zu werden. Vergeblich.

Das junge Mädchen ist auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Vielleicht haben sie im Alltag die ersten Anzeichen der Krise übersehen, es ist bereits ernst. Doch nun setzt sich der Vater ganz für die Tochter ein.

Die Frau mit den Blutungen steht allein da. Sie gilt durch ihre Krankheit als „unrein“, ebenso wie jeder, der sie berührt. Es ist mutig von ihr, sich in die Menge zu stellen. Wir erfahren nicht, ob es in ihrem Leben jemanden gibt, der ihre Isolation durchbricht und ob sie sich mit ihrem angeblichen „Makel“ jemandem zumuten will. Durch den ständigen Blutverlust erfährt sie sich als geschwächt, als kraftlos, dem oft einsamen Alltag nicht gewachsen. Das Blut steht auch für ihr Leben, ihre Energien, die vielleicht anderen zugute kommen, aber nicht ihr selbst. Auch ihre finanziellen Ressourcen sind geschwunden. Sie hat sich fähigen und weniger fähigen Ärzten ausgeliefert, die schmerzhafte, unangenehme, belastende Therapien versucht haben. Doch trotz allem hat sie noch eine Vorstellung davon, wie „Heilsein“ sich anfühlen müsste. Sie hat den Glauben an ihre Heilung nicht aufgegeben. Und deshalb macht sie sich auf den Weg zu Jesus.

Sie wagt nicht, Jesus vor allen Leuten anzusprechen. Erst nach ihrer Heilung kann sie über ihre Lebenssituation reden. Aber sie, deren Berührung „unrein“ macht, wagt es, Jesus wenigstens am Gewand zu berühren, denn sie weiß: Zum „Heilsein“ braucht es Beziehung und Kontakt. Und er stellt von seiner Seite aus die Beziehung zu ihr her. Er sucht diese Frau in der Menge, denn er nimmt sensibel wahr, wie Kraft aus ihm herausströmt, so wie die Lebenskraft bisher aus der Frau herausfloss. Doch die Kraft Jesu bewirkt, dass die sinnlose Kraftvergeudung, die Schwächung der Frau ein Ende hat. Er sieht das Kraftvolle, das Heile in ihr: Dein Glaube hat dich gerettet! Dein Vertrauen hat dich gesund gemacht! Die Frau, die wir bisher nur anhand ihrer Krankheit und Schwäche benennen konnten, ist nun „die glaubende“, die „vertrauensvolle Frau“. Jesus hat ihre Stärke und ihre Ressourcen sichtbar gemacht, über die sie trotz allem noch verfügt. Ihre menschliche Glaubenskraft ist nun angebunden an die Lebenskraft Gottes.

Das Mädchen scheint ohne Perspektive zu sein. Sie bräuchte einen Raum, in dem sie sich ausprobieren kann und dennoch beschützt ist, um in ihr Leben als Frau hi­neinzuwachsen. Stattdessen ist ihr Leben offensichtlich zu Ende. Jesus wirft die Menschenmenge hinaus, die dem Tod das letzte Wort lässt. Nur drei Jünger dürfen außer den Eltern dabei sein. Jesus schafft einen geschützten Raum für die junge Frau. Er weiß um die Kräfte, die sogar jetzt noch in ihr stecken: „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ Ein kraftvoller Impuls, ein Weckruf im wahrsten Sinne des Wortes. Du kannst es, also tu es auf mein Wort hin! Es steckt so viel mehr in dir, als nach außen sichtbar ist. Du hast so viel mehr Möglichkeiten, als du selbst weißt.

Wir wissen, dass Heilung nicht unbedingt von jetzt auf gleich geschieht und nicht immer auf die Weise, die wir uns wünschen. Doch Jesus ist für beide Frauen der Weg zur Schöpferkraft Gottes, die mit großer Lebenslust und Geduld Potenziale, Chancen, Quellen und Ressourcen sichtbar werden lässt.

Die Geistkraft heilt, schützt, ermutigt, setzt in Bewegung. Dich und mich, Frau und Mann, Kirche und Welt, Heute und Morgen.

Gisela Sturm ist Religionslehrerin und Beauftragte für die Schulseelsorge am Erzbischöflichen Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg.

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