Nur kein Neid

Die 10 Gebote für Europa

Könnten die Zehn Gebote Europa helfen, seine Zukunft zu gestalten? Ja, sagt die katholische Theologin Prof. Dr. Elisabeth Jünemann. Sie lehrt an der KatHO NRW Theologische Anthropologie und Theologische Ethik und befasst sich mit der Frage, wie Ethik von den hehren Vorsätzen zur konkreten Tat werden kann. Sie hat die Zehn Gebote auf Europa hin gedeutet. Hier ihre Gedanken zu den letzten beiden Geboten.

Foto: pixabay

 

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.

Die beiden Gebote gehören zusammen, geht es darin doch jeweils darum, dem anderen etwas streitig zu machen, was ihm ein Leben in Freiheit ermöglicht. Nach traditionellem Muster braucht der Mann zum Leben eine Frau sowie Haus und Hof. Heute spricht man von „sozialer“ und „privater“ Lebensgrundlage – für Mann und Frau natürlich.

Es geht um die soziale Gemeinschaft. Gefragt sind soziale Bedingungen, die uns die Freiheit erhalten. Auf die Frage, was das für Europa bedeutet, bringt Elisabeth Jünemann wieder die katholische Soziallehre und ihre Prinzipien Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität ins Spiel, vor allem das Prinzip der Subsidiarität. Das besagt, dass jede Ebene ihre Dinge selbst regelt und die nächst Höhere erst dann eingreift, wenn es nötig wird. Sprich: Der Bürgermeister ruft den Ministerpräsidenten, wenn er Hilfe braucht, aber der Ministerpräsident regiert dem Bürgermeister bitte nicht ungefragt rein. So funktioniert Europa, wenn auch manchmal knirschend. „Von oben oder außen“, so Jünemann, „kann nicht beliebig in die Selbstständigkeit der Länder eingegriffen werden. Aber alle Länder dürfen solidarische Hilfe erwarten, wenn sie die brauchen.“ Als Beispiel für das oft komplizierte Ringen um solche Hilfe, die ständig um Balance bemüht sein muss, nennt sie die Hilfe für Griechenland in der Schuldenkrise.

Es geht neben der sozialen Gemeinschaft aber auch um die intime Gemeinschaft: Der Mensch braucht auch einen intimen Raum, der vor Zugriffen geschützt ist. Dieser Raum ist – von alters her – die Familie. Auch das moderne Europa traut der Familie nach wie vor eine Menge zu. In der Familie soll der Mensch das lernen, was er zum Leben braucht: das Zusammenleben in seinen konkreten Formen. Hier sollen Kinder ein eigener Mensch werden und gleichzeitig eine soziale Identität ausbilden; was ja auch den pluralitätsfähigen Staatsbürger ausmacht. Familie soll Lernort des Glaubens sein und eine kleine Wirtschaftseinheit auch. Doch all das gelingt immer häufiger nicht. Man ist von der Familie enttäuscht. In Europa ringt man um die richtige Reaktion. Elisabeth Jünemann: Die einen lagern alles, was man der Familie nicht mehr zutraut, aus. Die Pflege der Alten etwa und die Betreuung der Jungen, auch der Kleinsten. Das ist eine Möglichkeit, aber sie höhlt die Institution auf Dauer aus. Eine andere ist es, Familien so zu motivieren und in ihren Funktionen so zu stärken, dass es ihnen gelingt, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das wäre im Sinne der Freiheit.

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