Papst im Schatten

EIn neuer Heiliger

Für die vorangegangene DOM-­Ausgabe hätte man mehrere Seiten 18 gebraucht, es gibt solche Phasen, die das Gegenteil von Saurer-Gurken-­Zeit sind. Daher sei in dieser Ausgabe ein Heiliger „nachgeschoben“: Papst Paul VI.

Paul VI. mit der Tiara, die er später ablegte. Foto: KNA

 

von Claudia Auffenberg

Erst im vergangenen Oktober wurde er heiliggesprochen, am vergangenen Mittwoch, dem 29. Mai, tauchte er als solcher erstmals im Heiligenkalender auf. Er ist eine Art Papst im Schatten. Was das Konzil angeht, steht er im Schatten ­seines Vorgängers Johannes ­XXIII. Was die Internationalität der Kirche angeht, steht er im Schatten seines Nachfolgers, Johannes Paul II. Dabei war es Paul VI., der als erster Papst alle Kontinente dieser Erde bereist. Der als Erster vor der UNO gesprochen hat und der, ja tatsächlich, bei seiner Ankunft den Boden des Gastlandes geküsst hat. Er hat das erfunden. Doch vor allem steht Paul VI. natürlich im Schatten seiner Selbst, so jedenfalls heißt eines der Bücher, das jetzt über ihn erschienen ist. Autor ist Domkapitular Wilm Sanders, langjähriger Ökumenebeauftragter des 1995 gegründeten Erzbistums Hamburg. Es ist der Schatten einer einzigen Enzyklika, die über dem Pontifikat Pauls liegt: „Humanae Vitae“. Ausgerechnet 1968 verbot der Papst die künstliche Empfängnisverhütung und setzte sich damit auch noch über das Votum einer von ihm selbst eingesetzten Kommission hinweg. Die weltweite Empörung hat den Papst so getroffen, dass er danach keine Enzyklika mehr veröffentlicht hat.

Dennoch: Wilm Sanders ist „immer noch dankbar für diesen Papst“, schreibt er im Vorwort. Paul VI. hat das Papst­amt in die Moderne geführt. Wie ein Papst so etwas machen kann, ist auch am jetzigen zu beobachten. Weniger durch neue Regelungen, eher durch symbolische Gesten. Zwei solcher Gesten Pauls VI. seien an dieser Stelle genannt: Am 13. November 1964 legte er offiziell die Tiara ab, die Papstkrone, und erklärte, sie nie mehr tragen zu wollen. Das war zunächst eine persönliche Entscheidung, nicht bindend für seine Nachfolger. Als Amtsinsignie abgeschafft hat sie Johannes Paul I., der 33-Tage-­Papst. Die Tiara, mit der Paul noch gekrönt worden war, hatte der italienische Designer Valerio Vigorelli für ihn entworfen und man sieht ihr an, dass man eigentlich schon damals nicht mehr so recht wusste, wie eine moderne Krone aussehen könnte. Der Papst sieht jedenfalls aus, als habe er ein riesiges Osterei auf dem Kopf. Die Tiara wurde zugunsten der Armen versteigert.

Eine vielleicht eher kleine Geste ist die Münze, die im zweiten Jahr seines Pontifikates geprägt worden ist. Entgegen der Tradition zeigt sie nicht das Porträt des Papstes, sondern eine biblische Szene: den sinkenden Petrus in den hohen Wellen des Sees Genezareth. Wilm Sanders erinnert sich: „Wir hätten früher kaum gewagt, den römischen Bischof mit dem Bild des sinkenden Petrus zu vergleichen. Aber genau das tat Paul VI.“ Damit zeige Paul sein „inneres Por­trät“, also das Wissen, dass er seinen Dienst nur im Vertrauen auf den Herrn ausüben kann.

Info: Wilm Sanders. Im Schatten seiner Selbst. Erinnerungen an das verkannte Pontifikat PaulsVI. BonifatiusVerlag, 2019.­ ,-

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