Schmerzhafte Ehrlichkeit

Das Diözesankomitee setzt sich mit der Essener Studie „Kirchenaustritt – oder nicht?“ auseinander

Kritik, Verbesserungsvorschläge, Gründe für einen Austritt: Alles kam im Forum St. Liborius zur Sprache. Das Foto entstand nach der Performance der Essener Künstler. Foto: Flüter

 

Erzbistum Paderborn. Wohin führt der Weg der Kirche? Unter dem Vorzeichen der hohen Zahl von Kirchenaustritten gewinnt die Frage an Bedeutung. Eine Essener Studie versucht Antworten zu geben. Jetzt hat das Diözesankomitee im Erzbistum Paderborn die Ergebnisse diskutiert.

von Karl-Martin Flüter

„Kirchenaustritt – oder nicht?“ heißt die Studie, die in diesem Jahr als Buch erschienen ist und bereits vor der dritten Auflage steht. Im Untertitel geben die Herausgeber die Richtung vor: „Wie Kirche sich verändern muss“. An der Untersuchung waren mehrere Hochschulen beteiligt, 2 751 Menschen wurden befragt.

Das repräsentative Ergebnis sorgt seit der Veröffentlichung über das Ruhrbistum hinaus für Aufsehen. Die Religionswissenschaftlerin Regina Laudage-­Kleeberg, Leiterin der Abteilung Kinder, Jugend und junge Erwachsene des Bistums Essen und Mitherausgeberin der Studie, ist seit der Veröffentlichung viel unterwegs. Das Interesse an den Essener Erkenntnissen ist auch in anderen Bis­tümern groß.

Leicht macht es Regina Laudage-­Kleeberg ihren Zuhörern jedoch nicht. Ihr Umgang mit dem Thema ist von schmerzhafter Ehrlichkeit, ihr Blick auf die Problemlage ist ernüchternd.

Jeder Austritt kostet die Kirche 20 000 Euro

So wendet die Religionswissenschaftlerin sehr weltliche Kategorien an, um die Bedeutung der Kirchenaustritte zu bewerten und einzuordnen. 500 Euro Kirchensteuer zahlt ein Kirchenmitglied im Bistum Essen durchschnittlich im Jahr, die meisten vollziehen den Austritt mit etwa 30 Jahren: macht im Schnitt 40 Jahre Steuerausfall, also etwa 20 000 Euro je ausgetretenes Kirchenmitglied. Das ist nicht nur für ein armes Bistum wie Essen viel Geld.

Die Kirche und den Glauben vor allem mit einem so schnöden Maßstab wie den verlorenen Kirchensteuern zu messen, stößt auf Kritik, auch im Diözesankomitee. Diese Betrachtungsweise greife zu kurz und werde den eigentlichen Ursachen nicht gerecht, lauteten die Einwände in Paderborn.

Tatsächlich sind die Kirchensteuern in vielen Fällen nur Auslöser für einen Austritt. Die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Dennoch spielt das Geld eine wichtige Rolle, denn auch die Kirche wird heute einer ausgeprägten Kosten-­Nutzen-­Analyse unterworfen. Dem Bemessungskriterium „Geld gegen Leistung“ kann sich die Kirche nicht entziehen – und leider kann sie diesen Maßstäben allzu oft nicht mehr genügen. Als Dienstleister kann die Kirche noch dazulernen, meint Regina Laudage-­Kleeberg, etwa beim Thema „Kundenbindung“ und Offenheit für „Kundenwünsche“.

Das ganze Unbehagen an dieser Argumentation entzündete sich an einem Satz von Regina Laudage-Kleeberg: „Der Gottglaube ist kein relevanter Bleibegrund.“ Fast ungläubig, ob er seinen Ohren nicht trauen könne, fragte ein Teilnehmer nach: Ob das tatsächlich so sei, dass der Glaube nicht mehr zähle, wenn es um die Kirche geht.

Gottesglaube hat nur noch eine sekundäre Funktion

Der Gottesglaube habe eine nur noch„sekundäre Funktion“, bestätigte Regina Laudage-­Kleeberg. Entscheidend für den Verbleib in der Kirche sind zwei andere Faktoren: erstens die Kasualien, die Feier von Sakramenten von der Taufe bis zur Beerdigung, und zweitens das sozial-­karitative Engagement der Kirche.

Begriffe wie Gemeinschaft, Ehrenamt und Spiritualität seien ebenfalls von nur sekundärer Bedeutung, sagte Regina Laudage-­Kleeberg und traf auch damit ihre Zuhörer hart.

Denn genau diese Werte machen die Motivation des „harten“ Kerns des Kirchenvolkes aus, also der vergleichsweise wenigen Kirchenangehörigen, die sich für ihren Glauben engagieren. Zu ihnen gehören die Mitglieder des Diözesankomitees.

Zu hören, dass die eigene Lebensweise, die man immer für gut und sinnvoll gehalten hat, gesellschaftlich als überholt gilt, dass kaum jemand diesem Beispiel nacheifern will, rührt ebenfalls an den Wurzeln des kirchlichen Selbstverständnisses. Nicht neu ist die Erkenntnis, dass die Kirche als Institution und ihre Morallehre die Menschen abschreckt.

Was bleibt von der Kirche, ihrem Wesenskern?

Doch was bleibt von der Kirche, wenn der Glaube an Gott, die Spiritualität und das kirchliche Ehrenamt für die Mehrzahl der Menschen keine Bedeutung hat? Wo bleibt das Besondere der Kirche, ihr Wesenskern? Die Essener Studie ist in ihrem Urteil schonungslos: Gottesglauben und Spiritualität finden die Menschen auch anderswo. Dafür brauchen sie die Kirche nicht mehr. Bleibt also bei nüchterner Betrachtung nur noch der Weg, die Kirche zum kundennahen Dienstleistungszen­trum für die Vergabe von Sa­kramenten und sozialen Dienstleistungen umzugestalten.

Diesen Schluss legt die Essener Studie nahe. Aber gerade das wollen viele traditionelle Katholiken nicht. Dann doch lieber beim Kern der Kirche bleiben, auch wenn das bedeutet, noch mehr Menschen und gesellschaftliche Bedeutung zu verlieren.

Auch die Teilnehmer aus dem Diözesankomitee sahen sich mit diesem Dilemma konfrontiert: den Wesenskern der Kirche aufzugeben oder sich von der Welt zurückzuziehen. Eine wirkliche Lösung der gegenwärtigen Krise bietet weder das eine noch das andere.

Vielleicht lohnt es sich, den Blick von diesen beiden Alternativen abzuwenden. Diesen Vorschlag kann man aus der Essener Studie ablesen. Die Kirche soll sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren und nicht andersrum, raten deren Autoren.

Damit würden die faktischen, individuellen Gründe für den Austritt in den Vordergrund der Diskussion rücken und die Aufgabe gewänne an Bedeutung, an diesen spezifischen Ursachen zu arbeiten und entsprechende Lösungen zu suchen – anstatt pauschal zu beklagen, dass die Gesellschaft und die Menschen sich von der Kirche weg verändern.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hat diese Einsicht in einem kurzen Satz über ausgetretene Kirchenmitglieder zusammengefasst: „Diese Menschen müssen uns doch etwas zu sagen haben.“

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