Schön langsam

Wider die Beschleunigung

Der längste Tag des Jahres ist vorbei, die Tage werden kürzer. Ab dem heutigen Sonntag, also ab Johanni, geht es auf Weihnachten zu. Es ist dies eine merkwürdige Zeit, in der einen vielleicht nicht Panik, aber doch eine gewisse Melancholie ergreift, weil schon wieder ein Jahr seinem Ende entgegengeht. Und die Welt um einen herum trägt auch nicht zur Erheiterung bei. In der Weltpolitik findet man sich nicht mehr zurecht, Europa verliert sich und in der Kirche, ach Gott, ja … schweigen wir von was anderem.

Eine Stiftertafel für das Jahr 2543. Foto: Auffenberg

 

von Claudia Auffenberg

Früher tröstete man sich mit dem Hinweis, dass das alles nichts sei im Vergleich zur Ewigkeit. Und vielleicht ist es tatsächlich hilfreich, aus der Bedrängtheit und Hektik des eigenen Lebens einen Blick in die Weite zu tun und den Bogen etwas größer zu ziehen. Um es mit einem Bild aus der Fotografie zu sagen: die Dinge nicht mit dem Teleobjektiv, sondern mit dem Weitwinkel zu betrachten.

Wer wissen möchte, wie das gehen könnte, sollte einen Ausflug nach Halberstadt machen, wo es nicht nur einen spektakulären Dom zu sehen, sondern auch ein ebenso spektakuläres Kunstprojekt zu erleben gibt. Dort, in der Burchardikirche, einer ehemaligen Klosterkirche, wird das längste Musikstück der Welt aufgeführt, ein Werk des amerikanischen Komponisten John ­Cage. Es ist eigentlich nicht lang, aber in einer Bearbeitung für Orgel hat er als Spieltempo „As slow as possible“ angegeben, also so langsam wie möglich. Wie langsam, kann jeder aufführende Musiker selbst entscheiden. 1998 bei einem Orgelsymposium kamen Musiker, Orgelbauer und Theologen auf die Idee, das mit der Langsamkeit mal wirklich ernst zu nehmen. Irgendwer brachte Halberstadt ins Spiel, weil dort im Jahr 1361 erstmals eine große Orgel gebaut wurde. Von 1361 bis zum Jahr 2000, was ja ein schönes Datum ist, waren es 639 Jahre. 2000 hat es nicht geklappt, aber seit 2001 wird das Stück in der ehemaligen Klosterkirche aufgeführt – bis zum Jahr 2640, es besteht also kein Grund zur Eile. Zu hören ist jeweils nur ein dauerhafter Ton, zurzeit der Dreiklang aus dis, ais und e’’. Den nächsten Tonwechsel gibt es im September 2020.

Man mag das für Spinnerei halten, aber es gibt Menschen, denen die Sache richtig Geld wert ist. Für 1 200 Euro nämlich kann man die Patenschaft für ein Jahr übernehmen und ein Täfelchen gestalten, die in der Kirche zu sehen sind. Die meisten Jahre sind bereits vergeben und es ist faszinierend, was Menschen dort notiert haben als ihre Botschaft für die Zukunft. Oft liest man Verse aus dem Buch Kohelet, „alles hat seine Zeit“, manche erinnern an schon Verstorbene; für das Jahr 2168 hofft einer, „dass sich jemand finden wird, der meinen 200. Geburtstag mit mir feiert“. Eine Gruppe ehemaliger Studierender stellen für 2170 Senecas Erkenntnis, dass wir nicht zu wenig Zeit haben, sondern zu viel Zeit nicht nutzen, einer Klage von Woody Allen gegenüber: „Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.“

Was möchte man den Generationen hinterlassen, die man nicht mehr erleben wird, die aber ebenso wie man selbst einen Teil dieses Konzertes hören werden? Aus dieser Perspektive wird vielleicht das Leben leichter und manche Entscheidung klüger.

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