Tiefer sehen und daraus leben

Gedanken zu Joh 20,1-9

Der auferstandene Herr lässt sich sehen, wenn wir mit den Augen des Glaubens sehen.

Die Ostereiersuche, eigentlich nichts anderes als die spielerische Variante einer Suche nach dem Lebendigen. Foto: KNA

 

von Michael Menke-Peitzmeyer

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, so lautet ein beliebtes Kinderspiel. Die mitspielenden Kinder erraten dabei einen Gegenstand, auf den sie durch kleine Hinweise, zum Beispiel eine Farbe, aufmerksam gemacht werden. Obwohl alle dasselbe sehen können, so weiß und „sieht“ ein Kind bereits mehr als die anderen. Und freut sich darüber …

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, so könnte auch der Titel des Osterevangeliums lauten. Vieles in dieser Ostererzählung erinnert an ein Ratespiel. Da wird von drei Menschen aus dem Kreis der Jünger Jesu berichtet, die alle dasselbe und doch etwas anderes sehen. Zwei werden namentlich benannt: Maria Magdalena und Simon Petrus. Der Name des Dritten bleibt verborgen. Er wird „der andere Jünger“ genannt, mit dem bemerkenswerten Zusatz: „den Jesus liebte“. Nacheinander kommen die drei an das Grab Jesu. Und obwohl sie augenscheinlich dasselbe sehen, reagieren sie unterschiedlich. Maria Magdalena erblickt das leere Grab und folgert daraus, dass man den Herrn weggenommen hat. Von Petrus heißt es, dass er die Anordnung der Grabtücher unter die Lupe nimmt, vom Dritten schließlich schlicht und ergreifend, dass er sieht und glaubt.

Eines wird hier deutlich: Sehen ist nicht gleich sehen. Das können wir übrigens an alltäglichen Erfahrungen ablesen. Es gibt ein oberflächliches Sehen, wenn die Augen über eine Landschaft oder durch eine Zeitschrift streifen, ohne ein bestimmtes Interesse oder eine bestimmte Erwartung. Dann gibt es ein prüfendes Sehen, wenn ich einen Gegenstand anschaue, der mir nicht bekannt ist und den ich nicht einordnen kann. Ich stelle Vermutungen an, suche Erklärungen und vergleichbare Muster, die mir bei einer Zuordnung helfen. Und oft sieht man nur, was man kennt. Mit Blick auf Menschen kann „sehen“ wertschätzend, kritisch oder gar lieblos sein. Es gibt das teilnahmslose Gaffen von Schaulustigen, das weder Rücksicht auf Verletzte noch auf Einsatzkräfte nimmt. Und schließlich gibt es den Blick von Liebenden, die einander anerkennen und Wünsche auch ohne Worte verstehen. Sehen hat also sehr verschiedene Facetten.

Ähnlich verhält es sich im Osterevangelium des Johannes. Während in der deutschen Einheitsübersetzung jeweils das Wort „sehen“ steht, verwendet Johannes drei unterschiedliche griechische Begriffe dafür. Es scheint, dass er die Leser auf unterschiedliche Weisen des Sehens und Erkennens hinweisen will. Da gibt es das eher beiläufige und oberflächliche Hinschauen Marias und das genauere, prüfende Hinsehen des Petrus. Das griechische Wort hierfür taucht in unserer Sprache als das Fremdwort „Theorie“ auf. Der Begriff, der beim dritten Jünger für das Sehen verwendet wird, ist mit dem Wort „Wissen“ verwandt. Gemeint ist hier ein erkennendes Verstehen, so wie ein Kunstexperte die Handschrift eines Malers in einem Gemälde wiedererkennt. Dieser Jünger schaut also nicht nur mit seinen Augen, sondern auch von innen her.

Erstaunlich, dass der Begriff des Sehens in diesem Oster­evangelium so häufig auftaucht, wobei doch das Entscheidende gar nicht zu sehen ist. Weder der Auferstandene noch ein Beweis für die Auferstehung sind im leeren Grab zu finden. Der Glaube an die Auferstehung und an das machtvolle Wirken Gottes an dem zuvor toten Jesus entzündet sich nicht an einem leeren Grab. Dieser Glaube erwächst vielmehr aus der Begegnung mit dem lebendigen Christus.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, so hätte der dritte Jünger im Grab sagen können. Er schaute bereits etwas, wofür Maria Magdalena und Petrus trotz vorsichtiger Hinweise noch einer letzten Gewissheit bedurften. Jesus Christus schenkt sie ihnen, indem er sich ihnen persönlich als der Auferstandene zu erkennen gibt. Die Begegnung mit dem lebendigen Christus ist bis auf den heutigen Tag der einzige Weg, auf dem Menschen zum Glauben finden. Sie geschieht in der Erfahrung authentischer Glaubenszeugen, die wie Maria und die anderen Jünger durch ein liebendes Verstehen selbst zum Glauben gefunden und ihn überzeugend gelebt haben. Die Ostererzählung des Johannes lädt dazu ein, sich diesen Blick des liebenden Jüngers zu bewahren, um zu sehen und zu glauben – und in diesem Vertrauen den Alltag zu gestalten.

Zum Autor:

Monsignore Dr. Michael Menke-­Peitzmeyer ist Domkapitular und Regens des Priesterseminars in Paderborn.

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