Untrennbar – Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

Gedanken zu Mt 20,1-16a

Es kommt nicht immer auf die Ersten an, auch im Letzten steckt noch alles drin. Foto: Bernd Kaspar / pixelio

 

Bei Jesus bedingen sich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gegenseitig.

von Wolfgang Thönissen

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Viele Menschen folgen ihm. Die Jünger scharen sich enger um ihn. Noch einmal erzählt er vom Himmelreich, er tut dies in Gleichnissen. Mit dem Himmelreich ist es wie mit den Arbeitern im Weinberg. Versetzen wir uns kurz in die Situation der erzählten Geschichte: Ein Gutsbesitzer sucht Arbeiter für seinen Weinberg. Am Morgen geht er hin, um Arbeiter zu verpflichten. Er einigt sich mit ihnen auf eine Silbermünze am Tag. Stunden später sieht er wieder Arbeiter, die keinen Job haben. Auch diese verpflichtet er, ohne ihnen eine feste Lohnzusage zu machen. So geht das mehrmals am Tag. Abends lässt er seinen Verwalter die Lohnarbeiter rufen, um sie auszuzahlen. Bei den letzten fängt er an, ihnen zahlt er eine Silbermünze. Auch denen zahlt er die eine Münze, mit denen er den Lohn ausgehandelt hatte. Da beginnen die Ersten zu murren, da sie einen größeren Lohn erwarteten. Sie hatten schließlich den ganzen Tag gearbeitet, die Letzten nur eine Stunde. Ihnen sagt er: „Euch geschieht kein Unrecht, da wir eine Silbermünze ausgehandelt haben.“

Was soll uns diese Erzählung lehren? Würden wir nicht sagen, aus unserer Erfahrung, dass jedem sein gerechter Lohn zusteht? Also, denen ist mehr zu zahlen, die länger gearbeitet haben! Warum mutet Jesus seinen Jüngern und Zuhörern eine solche Geschichte zu, die uns eher verstört zurücklässt? Der letzte Satz aus unserem Sonntagsevangelium gibt uns die Pointe: Die Letzten werden die Ersten sein, die Ersten die Letzten. Wird damit die Ordnung unserer Welt nicht auf den Kopf gestellt?

Machen wir uns noch einmal die Geschichte klar: Jesus erzählt vom Himmelreich, also von Gott. Bei Gott wird es so sein, dass die Letzten die Ersten sein werden und umgekehrt. Jesus erzählt uns das Gleichnis nicht, um uns zu Sozialrevolutionären zu machen, die Zielrichtung seiner Erzählung ist eine ganz andere. Darin steckt seine Botschaft von Gott: Niemand kann sich das Himmelreich verdienen. Niemand hat ein Anrecht auf das Himmelreich. Das Reich Gottes ist ein Geschenk an die Menschen.

Wir müssen umdenken: Bei Gott geht es nicht so zu wie bei den Menschen. Das müssen auch die Arbeiter im Weinberg erkennen. Wir alle sind aufgerufen umzudenken: Gott ist dadurch gerecht, dass er uns in sein Reich aufnimmt. Seine Gerechtigkeit ist ein Geschenk, ist Barmherzigkeit. Mit dem Apostel Paulus theologisch ausgedrückt: Gott nimmt uns allein aus Gnade im Glauben an das Evangelium an, er rechtfertigt uns. Hier haben wir das Zentrum, das Kernstück des ganzen Evangeliums vor uns: Wir leben aus der Gnade und der Güte und der Barmherzigkeit Gottes. Unser Leben wird uns von Gott geschenkt. Das ist die Umkehrung, die Vertauschung, die uns in der Geschichte so überrascht hat, dass die Ersten genauso be-zahlt werden wie die Letzten. Bei Gott ist es so.

Und wie ist es bei den Menschen? Bleibt alles beim Alten? Machen wir weiter wie bisher? Ich denke, nein: Natürlich brauchen wir Gerechtigkeit in der Welt, soweit wir das können. Aber die noch so ausgefeilte Gerechtigkeit unter den Menschen bleibt immer etwas schuldig. Kennen wir nicht auch den Spruch: Gnade vor Recht ergehen lassen? Das ist eine theologische Botschaft an die Menschen: Bei Gott geht es um die Gnade, die Liebe, die Barmherzigkeit. Darauf ist auch die Welt angewiesen. Nichts in der Welt kann dem Himmelreich gleichen, auch das noch so ausgefeilte Recht bleibt den Menschen immer etwas schuldig. Eine absolute Gerechtigkeit auf der Welt gibt es nicht. Wir müssen immer daran arbeiten. Jesu Botschaft hält uns auf Trab: Handeln wir im Sinne Gottes, handeln wir ganz aus seiner Gnade und Barmherzigkeit!

Zum Autor:

Prof. Dr. Wolfgang Thönissen ist leitender Direktor des Johann-­Adam-Möhler-Institutes für Ökumenik im Erzbistum Paderborn.

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