Wegweiser zur Freiheit

Die Ausstellung „Udos 10 Gebote“ war wohl der Überraschungserfolg zu Libori. Ob die Bilder nun eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem biblischen Text waren oder doch eher Karikaturen eines Verbotskataloges, zu dem die Gebote (leider) gemacht wurden, sei dahin gestellt. Fakt ist: Auch wer nur wegen Udo Lindenberg in die Paderborner Gaukirche kam, hat irgendwas von Gott und den Geboten mitbekommen. Anlass, die Sache hier noch einmal zu vertiefen.

Bilder von Udo Lindenberg hatte das Bonifatiuswerk nach Paderborn geholt. Foto: Patrick Kleibold/Bonifatiuswerk

 

von Claudia Auffenberg

Denn, so schreibt es der Theologe Fulbert Steffensky, die Kirche sei wichtig als die Hüterin der alten Überlieferung von der Gerechtigkeit und von der Freiheit. Wenn man sich auch nur oberflächlich mit Literatur zu den Zehn Geboten befasst, erfährt man nämlich eben dies: Es sind Wegweiser zur Freiheit. Die Gebote sind kein Verbotskatalog, der einem das Leben kalt und grau machen will. Dafür sprechen zwei Argumente. Zum einen die Situation, in dem sie dem Volk Israel nach biblischer Überlieferung gegeben werden: Die Israeliten sind aus Ägypten geflohen. Von den einstigen Tyrannen droht keine Gefahr mehr. Sie sind frei, aber mit Freiheit muss man umgehen können. Freiheit bedeutet viel mehr, als nicht mehr gefesselt zu sein. Freiheit bedeutet, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Das muss man lernen. Ein Leben in Freiheit – und das heißt auch in Gerechtigkeit, in Wohlergehen und ohne Angst –, also das verheißene Land ist noch nicht erreicht. Der Weg dorthin steht dem Volk bevor und er führt durch die Wüste. Die Israeliten kommen zum Berg Sinai und dort wird es dramatisch. Erzählt wird diese Szene im Buch Exodus, Kapitel 19 und 20. Es ist eine gewaltige Inszenierung. Das Volk soll sich waschen, den Berg und ei­nander nicht berühren, es blitzt und donnert, es raucht, Hör­nerschall erklingt. Hier also geschieht etwas ganz Großes: Gott bietet seinen Bund an.

Die Rede Gottes beginnt mit diesem Satz: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Dies ist gewissermaßen die Präambel und damit der zweite Hinweis da­rauf, dass die Zehn Gebote zur Freiheit führen wollen. Dieser Satz gibt die Tonart für das an, was nun folgt. Gott bindet sich an das Volk oder das Volk an sich, alles andere wird zur Konsequenz: Ich bin der Herr, dein Gott, deswegen wirst du oder musst du keine anderen Götter haben, deswegen wirst oder musst du nicht morden usw. Die hebräische Sprache, in der die Gebote ursprünglich verfasst sind, gibt diese Übersetzung „Du wirst“ her.

Man kann also zusammenfassen: Die Zehn Gebote wollen dem kleinen Volk Israel den Weg in das Gelobte Land weisen, sie wollen Freiheit ermöglichen und nicht zuerst alles Mögliche verbieten. In den nächsten DOM-Ausgaben werden die Gebote näher betrachtet und mal konkret gedeutet: Was bedeuten sie für Europa, mit seinen jüdisch-christlichen Wurzeln?

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