Wer bist du, Europa?

Die zehn Gebote für heute gelesen

Europa ringt um seine Identität. Könnten die Zehn Gebote da helfen, könnten sie Anregungen, Orientierung geben? Ja, sagt die katholische Theologin Prof. Dr. Elisabeth Jünemann. Sie lehrt an der KatHO NRW Theologische Anthropologie und Theologische Ethik und befasst sich mit der Frage, wie Ethik von den hehren Vorsätzen zur konkreten Tat werden kann. Sie hat die Zehn Gebote auf Europa hin gedeutet. In dieser und in den folgenden DOM-Ausgaben geben wir ihre Gedanken wieder.

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Das ist das erste Gebot. Jahwe erinnert sein Volk daran, wer es ist: Es ist das Volk, das von Gott befreit wurde. Das macht es aus. Wenn es sich an andere Götter bindet, dann verliert es seine Besonderheit und seine Freiheit.

Es geht um Identität, betont Jünemann. Identität heißt, eine Antwort zu geben auf Fragen, die eigentlich gar nicht zu beantworten sind. Wer wir sind, das sieht man daran, wie wir die Frage nach dem Lebenssinn beantworten – nach dem Tod und dem Leid vor allem, aber auch nach der Liebe und der Hoffnung. Womit man bei uns zu rechnen hat, das zeigt sich an dem, was wir für wichtig halten, was wir für gut und gerecht halten. An den Werten, die wir haben.

Ein christliches Europa hat eine Identität. Die macht es unterscheidbar. Wenn man sich seiner Identität sicher ist, dann kann man sich abgrenzen, sagt Jünemann. Aber dann sei man auch selbstbewusst genug, sich dem anderen auszusetzen. Selbstbewusst genug, andere Kulturen zu integrieren.

Deswegen sei es nicht nur wichtig, sondern geradezu existenziell für Europa, so haben es auch die Päpste der letzten Jahrzehnte bei ihren Reden vor europäischen Institutionen immer wieder betont, diese christliche Identität zu bewahren. Im November 2015 besuchte Papst Franziskus das Europäische Parlament und sagte dort: „Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen ,humanistischen Geist‘, den es doch liebt und verteidigt.“

Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.

„Ich bin der, der Euch befreit“, sagt Jahwe. Freiheit ist von Gott geschenkte Freiheit. Gottes Volk hat erfahren, dass man diese Freiheit nicht sichern kann durch Maßnahmen, die die Freiheit beschneiden: Beobachten und Bewachen, Kontrollieren und Reglementieren, Denunzieren …, das kann nie im Sinne der geschenkten Freiheit sein. Wo man so handelt, handelt man nicht im Namen Gottes.

Was heißt das für Europa? Elisabeth Jünemann: „Es geht um Integrität!“ Die gehört zur Identität. Heute ist die „Authentizität“ in aller Munde. Die sagt am Ende aber nur etwas über die Echtheit aus, nicht über den wirklichen Wert. Der amerikanische Präsident ist ja ziemlich authentisch, aber integer? Integrität bedeutet, dass man in seinem Handeln mit den Werten übereinstimmt, zu denen man sich bekannt hat. Dass man also tut, was man sagt. Europa hat eine christliche Identität, und da, wo sie unterlaufen oder hintergangen wird, macht sich Nervosität breit. „Deshalb zittern wir mit“, so Prof. Jünemann, „vor Wahlen in Holland und Frankreich, und sind erleichtert, wenn sich eine demokratische Kultur des Kommunizierens, Diskutierens und Argumentierens durchsetzt.“ Solange in Europa also noch – aus den richtigen Gründen – gezittert wird, so könnte man sagen, ist es noch nicht verloren.

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