Wider die eigene Blindheit!

Gedanken zu Mt 25,31-46

Jesu Worte rufen in die Entscheidung konkreten Handelns.

von Burkhard Neumann

Es ist etwas anderes, ob ich einen Bericht in der Zeitung lese oder ein Gedicht. Und niemand käme auf die Idee, das eine mit dem anderen zu verwechseln, weil ich sonst das, was ich lese, gar nicht richtig verstehen kann. Mit den Gleichnissen Jesu ist es ähnlich. Um sie zu verstehen, muss man beachten, dass es Gleichnisse sind, Geschichten, die Jesus mit einer ganz bestimmten Absicht erzählt. Wenn wir darum das Evangelium dieses Sonntags lesen würden wie einen Zeitungsbericht, etwa als bloße Information darüber, wie es am Ende der Zeiten zugeht, dann hätten wir es zutiefst missverstanden. Denn Jesus bietet uns hier keine Vorhersage, keinen Tatsachenbericht aus der Zukunft, nur um unsere Neugier zu befriedigen, wie das Gericht am Ende der Zeiten ablaufen wird.

Das merkt man sehr schnell an dem unangenehmen Gefühl, das dieses Gleichnis hinterlässt, wenn man es ernst nimmt. Denn in diesem Gleichnis finden wir uns ja unmittelbar wieder und spüren, dass es keine sehr angenehme Geschichte ist, die da erzählt wird. Wenn das, was Jesus schildert, der Maßstab ist, nach dem sein Urteil über uns ergeht, dann kommt ganz von selbst die Frage auf, ob wir denn diesem Maßstab überhaupt genügen und genügen können.

Das zeigt, dass wir dieses Gleichnis nicht von außen hören oder verstehen können, sondern dass wir mitten in dieser Geschichte stehen; dass eine Geschichte erzählt wird, in der wir mit vorkommen und in der es eigentlich um uns geht. Denn Jesus erzählt das Gleichnis so, dass wir beim Zuhören unwillkürlich das Gefühl haben, eigentlich auf der linken Seite stehen zu müssen, d. h. auf der Seite derer, die den richtenden König nicht erkannt und ihm im Nächsten nicht geholfen haben in seiner konkreten Not: Hunger, Krankheit, Einsamkeit. Darin liegt die Kunst, mit der Jesus seine Gleichnisse erzählt. Wir kommen als Hörer und Hörerinnen unmittelbar darin vor. Und wenn wir das zulassen, dann spüren wir, wo wir in dieser Geschichte stehen, auf welche Seite wir gehören. Dann spüren wir, dass hier ein so einleuchtender Maßstab aufgerichtet wird, dass wir gar nicht anders können, als uns an ihm zu messen und damit über uns nachzudenken.

Und genau darum geht es. Darum erzählt Jesus dieses Gleichnis: um uns ins Nachdenken zu bringen, um uns vor falscher Selbstgerechtigkeit zu bewahren und unser konkretes Tun neu zu überdenken. Um uns bewusst zu machen, wie blind wir oft sind: blind für das, was wir einander tun könnten, blind für die Not der Menschen, denen wir tagtäglich begegnen.

Das Gleichnis will darum bei uns ein unangenehmes Gefühl hinterlassen, weil es uns allen ja so schwer fällt, ehrlich zu uns zu sein, auch unserem Versagen gegenüber. Aber gerade eine solche Ehrlichkeit kann uns dann helfen, hellsichtiger zu werden für die Situationen, in denen uns in den konkreten Sorgen der Menschen Jesus selbst begegnet.

Und wenn das geschieht, wenn wir aufmerksamer werden für die Menschen um uns, dann haben wir das Gleichnis wirklich verstanden. Dann ist es kein bloßer Bericht, der uns über die Zukunft informieren will, sondern dann bewirkt es etwas in uns, verändert es unser Leben, und zwar zum Guten, zu Gott hin. Und genau darum hat Jesus dieses Gleichnis erzählt.

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