„Wir schauen auf die Menschen“

Weltflüchtlingstag 2018: Drei Menschen, drei Geschichten

Eddy Agbouvboure fühlt sich in Meschede sicher. Foto: Malteser/Kaiser

 

Erzbistum. Die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, erreichte in den vergangenen Jahren einen neuen Rekord: Mehr als 65 Millionen Geflüchtete wurden im Jahr 2016 vom UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) registriert. Auf ihr Schicksal macht der alljährliche Weltflüchtlingstag am 20. Juni aufmerksam. Drei Menschen aus Nigeria, die in der Unterkunft der Malteser in Meschede leben, erzählen ihre bewegende Geschichte.

Eddy Agbouvboure ist 29 Jahre jung und stammt aus Benin-Stadt im Süden Nigerias. Zu Hause hatte er eine Ausbildung zum Modedesi­g-ner begonnen. Doch sein Leben verlief anders, als er es sich vorgestellt hatte. „Meine Mutter und ich sind Christen, aber mein Vater ist ein hochrangiges Mitglied des Ogboni-­Bundes“, sagt Eddy. Sein Vater wollte, dass auch er Mitglied des religiösen Kultes wird, was Eddy aber abgelehnt hat. „Seine Gefolgsmänner haben mich bedroht. Sie haben mich mehrmals nachts zu Hause überfallen, dann gewaltsam wachgerüttelt und wollten, dass ich der Organisation beitrete.“

Aus Angst, dass etwas Schlimmeres passiert, entschloss sich Eddy Agbouvboure im Jahr 2015 zur Flucht. Auf sich allein gestellt, geriet die Flucht zu einer wahren Odyssee. „Auf der Bootsreise nach Italien hatten wir irgendwann kein Essen und kein Wasser mehr. Zwei der Menschen im Boot sind aufgrund der Strapazen gestorben.“ In Italien lebte Eddy Agbouvboure zwei Jahre und vier Monate in einem Camp, bevor er nach Deutschland kam.In Meschede fühlt er sich jetzt endlich sicher. „Die Malteser sind so gut zu mir. Ich mag die Deutschkurse und habe einen Erstorientierungskurs der Malteser besucht. Endlich wurde mir in Meschede auch mit meinen Zahnproblemen geholfen.“ Klasse findet er die Sportangebote in der Malteser-­Einrichtung, vor allem das gemeinsame Fußballspiel. Eddy Agbouvboure träumt davon, sich in Deutschland niederlassen zu dürfen und sich hier eine Zukunft aufzubauen. „Ich möchte in Sicherheit und Frieden leben und ich möchte Deutscher werden.“Auch Mercy Amawu, 33 Jahre, träumt davon, sich in Deutschland etwas aufzubauen. Die Mutter einer wenige Wochen alten Tochter stammt aus der Nähe von Benin-Stadt. Von Beruf Friseurin möchte sie gerne wieder in diesem Beruf arbeiten und sich weiterbilden. „Meine Mutter starb vor langer Zeit und mein Vater war krank. Er konnte sich nicht gut um seine Kinder kümmern“, sagt sie. In 2009 entschloss sie sich deshalb, nach Spanien zu fliehen. In Madrid lebte sie einige Jahre mehr schlecht als recht. 2018 dann führte sie ihr Weg nach Deutschland, wo sie jetzt gerne Fuß fassen möchte. Sie freut sich, dass sie in der Malteser-­Unterkunft in Meschede Deutschkurse belegen kann.

Eine bewegende Geschichte berichtet auch der 30-jährige Happy Ogboi. Der Textildesi­g-ner stammt aus der Nähe von Lagos, der Millionenmetropole und größten Stadt Nigerias, am Golf von Guinea gelegen. Aus Angst vor Verfolgung floh er 2013 aus dem Land. „Eine religiöse Gruppe wollte mich zwingen, für sie zu arbeiten“, sagt er. „Sie wollten, dass ich für sie Diebstähle begehe, aber ich habe mich dagegen geweigert. Dann haben sie mir immer gedroht, wenn sie mich gesehen haben und mich oft geschlagen. Dadurch habe ich die Narben im Gesicht und am Daumen. Außerdem haben sie mein Motorrad zerstört.“Auch seine Flucht war für Happy Ogboi eine furchtbare Erfahrung. „Ich bin aus Lybien mit einem Boot übergesetzt und wurde von einem Rettungsschiff der Vereinten Nationen aufgesammelt. Sie haben mich nach Italien gebracht, wo ich elf Monate in einem Camp gelebt habe. Weiter ging es für mich in die Schweiz, doch im Oktober 2015 musste ich wieder nach Italien zurück.“ Im Juli 2016 kamen dann auch seine Frau und seine zwei Kinder nach Italien. Dort lebten sie bis Januar 2018, bevor sie mit einem Bus nach Deutschland kamen. „Ich träume von einem guten Leben für meine Familie und mich“, sagt Happy. „Ich möchte den Deutschen zeigen, dass es gut ist, dass ich jetzt hier bin. Ich möchte möglichst schnell Arbeit finden und etwas zurückgeben.“Die Malteser im Erzbistum Paderborn stellten 2017 in ihren Einrichtungen Plätze für bis zu 5 830 Menschen bereit. Hilfe erhalten alle Menschen, die Hilfe bedürfen: sowohl in den Herkunftsländern durch Malteser International, in großen Zentralunterkünften wie beispielsweise in Meschede, Borgentreich oder Hamm als auch bei der Integration durch die vielen ehrenamtlichen Helfer. „Unsere Aufgabe ist es nicht, zu bewerten, ob ein berechtigter Asylgrund vorliegt“, betont Andreas Bierod, Diözesangeschäftsführer der Malteser im Erzbistum Paderborn. „Wir lassen jedem Menschen Hilfe zuteilwerden, der sich aus den unterschiedlichsten Gründen dazu entschlossen hat, seine Heimat zu verlassen. Wir schauen nicht auf Zahlen, sondern auf den einzelnen Menschen in seiner Not.“

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