„Wir sind alle Engel“

Kirche auf der Treppe mit Menschen, die am Rande stehen

Iserlohn. Gegen kurz vor 11 Uhr an einem Donnerstag füllt sich die Treppe am Fritz-Kühn-Platz in Iserlohn. Die Menschen, die an diesem Ort der Stadt einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, lassen sich auf etwas ein, das es hier noch nie gab – einen Gottesdienst nur für sie. Die Menschen, die die Treppe ihr Wohnzimmer nennen.

Monsignore Ullrich Auffenberg feierte den Gottesdienst mit den „Treppen-Bewohnern“.

 

Federführend organisiert haben den Gottesdienst die Caritas-Mitarbeiter Uwe Browatzki und Waltraud Schierhold. Sie kümmert sich um die spirituellen Aktivitäten der Caritas. Er arbeitet seit etwas mehr als drei Jahren als Streetworker an der Treppe.

Als ehemaliger Obdachloser ist Browatzki mittlerweile bei der Caritas angestellt und bewohnt heute ein Wohnzimmer mit vier Wänden. Doch den Kontakt zu „seinen Leuten“ hat er nie verloren. Im Gegenteil. Er pflegt ihn durch seine tägliche Arbeit auf der Straße. Mit diesem Gottesdienst kann er „mal was geben, was außerhalb der alltäglichen Hilfe ist“.

Aus seinem Lampenfieber macht er keinen Hehl. Obwohl er einer „von ihnen“ war und selbst fünf Jahre auf der Treppe verbracht hat, weiß er nicht, was ihn erwartet. Kommen 2, kommen 20 Menschen? Letztendlich sind es knapp 40. Die Treppe ist von unten bis oben gut gefüllt. Einige Passanten gesellen sich spontan hinzu, stellen ihre Einkaufstaschen ab, beobachten die Szenerie und bleiben.

Dann kommt der Geistliche, Monsignore Ullrich Auffenberg. Auch er ist einer „von ihnen“. Er trägt heute Jeans und Hemd, kein feierliches Gewand. Er möchte, so sagt er selbst, keine Distanz aufbauen. Zu Beginn legt er eine Regenbogenstola an und erklärt, dass diese ein „Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde“ sei, genau wie diese Treppe eine solche Verbindung ist. Er fährt mit einem Gebet fort und langsam steigt die Aufmerksamkeit der Menschen.

Die Predigt und die Fürbitten spielen sich im Lebensumfeld der Menschen ab. Sie behandeln Geschichten, mit denen sich die Menschen auf der Treppe identifizieren können. Es geht um die Sehnsucht, dazuzugehören, anerkannt zu werden und eine Heimat zu finden. Auffenberg erzählt die Geschichte von Esau und Jakob. Der ältere Bruder Jakob betrügt seine Familie und sieht, völlig am Ende, im Traum die Himmelsleiter, eine Treppe zwischen Himmel und Erde, auf der Engel auf- und absteigen. Am oberen Ende der Treppe steht Gott, der alle Menschen gleichermaßen liebt. Mit dem Satz „Wir sind alle Engel“, schließt Auffenberg die Predigt.

Er hat seine Zuhörerinnen und Zuhörer durch diese Botschaft gefesselt. Auch bei der zentralen Hymne des Gottesdienstes „Youll never walk alone“ spürt man, dass er die Menschen erreicht und betroffen gemacht hat. Am Ende ertönt Applaus. Die Menschen erheben sich bedächtig von den Stufen und beschäftigen sich mit dem, was sie gehört haben. Derweil werden Körbe mit Brot und Trauben umhergereicht.

Und auf einmal sprechen sie – sie, die Menschen von der Treppe. Keoma ist 27 und lebt seit 13 Jahren auf der Treppe. „In eine Kirche bekommt mich niemand“, sagt er. Die dicken Mauern würden ihn ein­engen. Deshalb war es ihm wichtig, dass der Gottesdienst draußen stattfindet – auf seiner Treppe. „Es war richtig toll, so was sollte es häufiger geben“, sagt er. Nina, seine Freundin, nickt zustimmend.

Etwas abseits gehen zwei szenebekannte junge Männer auf Waltraud Schierhold zu. Einer sagt: Wir möchten uns bei Ihnen für diesen schönen Tag bedanken.“

Die Reaktionen machen Uwe Browatzki glücklich und auch ein wenig stolz. Der Satz von Günther (46): „Das war der ehrlichste Gottesdienst, den ich je erlebt habe“ ist an diesem Tag für ihn die schön-ste Rückmeldung für all die Mühen und die Ungewissheit im Vorfeld der „Kirche auf der Treppe“. Und die Tatsache, dass keiner der knapp 40 Besucher vorher aufgestanden und gegangen ist. Es war ein Versuch. Und dieser ist gelungen.

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